Dein persönlicher Weg auf dem Klavier besteht aus vielen kleinen Zielen. Jedes erreichte Ziel ist ein kleiner Schritt und jeder Traum, mag er noch so weit entfernt erscheinen, lässt sich durch eine Reihe dieser kleinen Schritte erreichen. Ziele geben Dir die Möglichkeit, längerfristig zu planen, Erfolge zu feiern und sind zudem eine riesige Motivationsquelle.
Sich Ziele auf dem Klavier zu setzen, ist eine wertvolle Technik und ein Garant für Fortschritte auf dem Instrument. Ziele müssen jedoch sinnvoll gesetzt und immer wieder ausgewertet werden, um ihr ganzes Potenzial zu entfalten. In diesem Artikel möchte ich Dir daher ein paar Methoden und Tipps geben, wie Du Dir sinnvolle Ziele für das Klavierüben setzen kannst.
Wie definiere ich ein Ziel?
Um erfolgreich Ziele für Dich zu definieren, ist es wichtig, den Begriff „Ziel“ zu definieren:
Ziele geben deinem Handeln eine Richtung, weil Du etwas Bestimmtes erreichen möchtest. Anhand deines Ziels wählst Du Methoden aus und entscheidest über den Umfang deiner Bemühungen.
Ziele können unterschiedliche Zeiträume umfassen: Kurzfristige Ziele können beispielsweise das Tagesziel einer einzelnen Übeeinheit definieren. Sie geben der Einheit Struktur und sorgen dafür, dass Du deine Übezeit effektiv nutzt. Am Ende der Einheit lässt sich feststellen, ob Du das Ziel erreicht hast oder nicht.
Längerfristige Ziele sind den kurzfristigen Zielen übergeordnet und bestimmen deine tägliche Praxis am Klavier, z.B. über Umfang und Gestaltung deiner Übezeit.
Es ist wichtig, längerfristige Ziele zu formulieren und über die Zeit im Auge zu behalten. Diese Ziele sind die größten Motivatoren für deine Werdegang auf dem Klavier und können Dich zu Spitzenleistungen ermutigen.
Egal ob lang- oder kurzfristige Ziele: Es wichtig, dass die Ziele sinnvoll formuliert werden. Häufig werden Ziele zu ungenau formuliert, weshalb Sie ihre Wirkung nicht entfalten können oder sogar zu Frustrationen führen können.
Ein Klassiker in der Zielformulierung ist die SMART-Methode. Jeder Buchstabe steht dabei für eine Qualität des Ziels:
SMART-Methode
Gemäß der SMART-Methode sollten Ziele über folgende Eigenschaften verfügen:
- Spezifisch: Das Ziel sollte präzise formuliert sein und keinen Raum für Interpretation bieten. „Ich möchte auf dem Klavier besser werden“ ist so ungenau, dass man den Augenblick der Zielerreichung nicht identifizieren kann.
- Messbar: Das Ziel sollte objektiv nachvollziehbar sein. Ziele, die ein subjektives Empfinden einbeziehen, können manchmal in messbare Ziele umformuliert werden. Das Ziel: „Ich möchte bei dieser Stelle sicherer werden“ könnte zum Beispiel umformuliert werden in das messbare Ziel: „Ich möchte in der Lage sein, diese Stelle im Tempo x dreimal hintereinander fehlerfrei spielen zu können.“
- Attraktiv: Das Ziel sollte für Dich attraktiv und erstrebenswert sein. Gerade auf dem Klavier haben wir das große Glück, dass wir nicht fremdbestimmt handeln müssen, wie es vielleicht im Job der Fall sein kann. Definiere also ein Ziel, mit dem Du dich ganz persönlich identifizierst.
- Realistisch: Das Ziel sollte so formuliert sein, dass es im Bereich des Möglichen liegt. Das Formulieren realistischer Ziele ist auf dem Klavier mit einem Lernprozess verbunden. Wir lernen unsere Fähigkeiten, Stärken und Schwächen immer besser kennen und können anhand dieser Kenntnisse immer realistischere Ziele formulieren, die weder unterfordernd noch illusorisch sind.
- Terminiert: Das Ziel sollte zeitlich eingegrenzt sein, da die Erreichung des Ziels sonst unendlich weit nach hinten verschoben werden kann.
Die Smart-Methode ist eine gute Hilfe dafür, sinnvolle Ziele zu definieren. Gerade für die langfristigen Ziele sollten die Kriterien dieser Methode erfüllt sein, da diese deine Klavierpraxis für längere Zeit bestimmen.

Neben den Kriterien, die ein Ziel erfüllen sollte, gibt es meiner Meinung nach zwei Arten von Zielen, die Du dir für das Klavierüben einsetzen kannst: Ereignisziele und Prozessziele.
Ereignisziel vs. Prozessziel
Ein Ereignisziel formuliert ein gewisses Ergebnis, das zu einem festen Zeitpunkt in der Zukunft erreicht werden soll. Das Ereignisziel fixiert also ein bestimmtes Ergebnis zu einem bestimmten Zeitpunkt und lässt daher offen, wie dieses Ziel erreicht wird. Ereignisziele entstehen häufig im Zusammenhang mit Vorspielterminen. Ein solches Ziel wäre z.B.: „Beim nächsten Weihnachtsfest möchte ich das Lied ‚Stille Nacht‘ spielen können.“ Dieses Ziel bestimmt zwar das erstrebte Ergebnis deines Übens, es definiert aber nicht, wie lange und auf welche Art und Weise Du üben wirst.
Ein Prozessziel hingegen definiert den zeitlichen Umfang und die Art deiner Klavierpraxis für eine Zeitspanne in der Zukunft. Der Prozess ist definiert, das Ergebnis dieses Prozesses bleibt offen. Ein Beispiel für ein Prozessziel ist zum Beispiel: „Ich möchte diesen Monat jeden Tag 20 Minuten Tonleitern üben.“ Damit ist klar in welchem Umfang und was Du üben wirst. Wie viele Tonleitern Du wie gut am Endes Monats beherrschst, bleibt dabei offen.

Es gibt auch die Möglichkeit, beide Zieltypen miteinander zu kombinieren. Ein Beispiel wäre: „Ich möchte beim nächsten Weihnachtsfest ‚Stille Nacht‘ spielen können und werde dieses Stück dafür die nächsten 3 Wochen 20 Minuten täglich üben.“ Der Vorteil ist, dass Du die größtmögliche Klarheit für deine Klavierpraxis formuliert hast: Du hast sowohl ein Ergebnis für einen bestimmten Zeitpunkt formuliert als auch einen Prozess definiert, der Dich dorthin führen soll. Der Nachteil ist jedoch, dass Du nun keine Flexibilität mehr hast. Du hast eine Schätzung abgegeben, nämlich, dass 20 Minuten täglich in den nächsten 3 Wochen reichen, um das Stück bis zum Weihnachtsfest zu lernen. Wenn Du also merkst, dass Du mehr Zeit benötigst, musst Du dein Prozessziel noch einmal anpassen.
Die Arbeit mit Zielen beim Klavierüben
Nun da wir angeschaut haben, wie sich Ziele am besten definieren lassen, ist der nächste Schritt, das Arbeiten mit Zielen in deine Überoutine zu integrieren.
Längerfristige Ziele
Ein längerfristiges Ziel ist dein Leitstern, der Dir die Richtung für deine Klavierpraxis vorgibt. Es hat auf einige Aspekte des Übens Einfluss:
- Wie häufig übst Du?
- Wie lange übst Du?
- Was übst Du?
- Wie übst Du es?
Sei daher besonders sorgsam bei der Formulierung deiner längerfristigen Ziele und notiere sie am besten, sodass Du sie immer wieder einsehen und evaluieren kannst. So kannst Du immer sichergehen, dass Du auf dem Weg bist, dein Ziel zu erreichen.
Die längerfristigen Ziele sind es auch, die für deine Motivation am Klavier sorgen. Häufig betreffen diese längerfristigen Ziele z.B. einen Vorspieltermin oder eines deiner Lieblingsstücke, welches Du lernen möchtest.
Die Bedeutung von Auftritten für deine Ziele
Wenn Du bei einer Lehrkraft Klavierunterricht hast, wird sie wahrscheinlich ein- bis zweimal im Jahr ein Klassenvorspiel veranstalten, bei dem Schülerinnen und Schüler ihre Fortschritte präsentieren können. Obwohl die Aufregung vor diesen Vorspielen meistens sehr groß ist, haben diese Vorspiele doch eine große Wirkung auf das Übeverhalten der meisten Menschen: Vor einem Vorspiel macht man für gewöhnlich die größten Fortschritte.
Wenn Du Klavier mit einer App oder im Selbststudium lernst, solltest Du dich unbedingt um Auftrittsgelegenheiten kümmern, da diese ein wunderbares Ziel sein können, für das Du ein Stück oder sogar ein Programm einübst. Dabei ist es egal, ob es sich um ein privat ausgerichtetes Hauskonzert, eine Weihnachtsfeier, eine Hochzeit oder eine Geburtstagsfeier handelt. Ein solcher Anlass, der fest terminiert ist, kann nicht nur ein wertvolles Auftrittstraining sein, sondern ist auch ein sehr großer Motivator.
Organisiere also Auftrittsgelegenheiten, um für einen Motivationsschub zu sorgen und deine Musik mit anderen Menschen zu teilen.
Ziel einer einzelnen Übungseinheit
Das Ziel einer einzelnen Übungseinheit sollte das Erreichen deines längerfristigen Ziels unterstützen. Am Anfang einer Übungseinheit Ziele zu formulieren, hilft Dir, deine Übezeit sinnvoll und effektiv zu nutzen. Sei hier so spezifisch wie möglich.
Ein Beispiel: „Heute sichere ich die Takte 5-8 ab und lerne die Takte 9-15 dazu. Am Ende möchte ich die Takte 5-15 im Originaltempo spielen können, ohne abzusetzen.“
Ein paar Ziele empfehle ich Dir für jede Übeeinheit:
- Ich bin während der gesamten Übeeinheit stressfrei und gelassen.
- Ich nutze mein umfangreiches Repertoire an Übemethoden und verfalle nicht in stupides Wiederholen.
- Am Ende der Übeeinheit bin ich glücklicher als zuvor.
Die Ziele einer einzelnen Übungseinheit sind dynamischer als deine längerfristigen Ziele. Es ist wichtig diese kurzfristigen Ziele zu formulieren – Du solltest Dich aber nicht stressen, solltest Du dein Tagesziel abändern müssen oder vielleicht nicht erreicht haben: Es kann immer vorkommen, dass eine Stelle unvorhergesehene Schwierigkeiten bereitet. Notiere Dir dann diese Passage und mache sie zu einem Tagesziel in einer kommenden Übeeinheit.
Du möchtest weitere Tipps, wie Du eine Übeeinheit gestalten kannst? Hier findest Du einen Artikel für eine 30-Minuten-Überoutine.
Evaluation deiner Ziele
Für die Wirksamkeit von Zielen ist es unumgänglich, deine Ergebnisse zu evaluieren. Für die Ziele einer Übungseinheit findet die Evaluation am Ende der jeweiligen Einheit statt. Für längerfristige Ziele solltest Du einen festen Rhythmus – zum Beispiel wöchentlich – etablieren, in dem Du deine längerfristigen Ziele anschaust und deren Erfüllung beurteilst. Unabhängig von der Zielart, können folgende Fragen bei der Evaluation behilflich sein:
- Hast Du dein Ziel erreicht/übertroffen/nicht erreicht?
- Falls nicht: Woran hat es gelegen?
- Welche Ziele bleiben offen?
- Müssen Ziele korrigiert/neu formuliert werden?
Die Evaluation hat dabei unterschiedliche Funktionen:
Sie hilft Dir, deine Fähigkeiten zur Zielformulierung zu verbessern. Waren deine letzten Ziele zu ambitioniert? Stellten sie sich als unrealistisch heraus? Formuliere deine Ziele in Zukunft etwas kleiner und freue Dich umso mehr, wenn Du diese Ziele erreicht hast.
Die Evaluation kann Dir dabei helfen, die Methoden zur Zielerreichung zu beurteilen. Es kann sein, dass ein Ziel durchaus realistisch war, Du aber nicht die richtigen Methoden gewählt hast, um das Ziel zu erreichen. Variiere Übemethoden und Vorgehensweisen und finde heraus, welche am besten für Dich und deine Ziele funktionieren.
Die Evaluation hilft Dir auch, deine Übeeinheiten besser zu gestalten. Dies kann zum Beispiel das Zeitmanagement und die Aufteilung der Übezeit betreffen.
Die wahrscheinlich wichtigste Auswirkung deiner Zielbeurteilung ist, dass Du aus Misserfolgen lernen kannst und deine Erfolge feiern kannst. Letzteres kann nicht häufig genug betont werden:
Nur wenn Du dir Ziele steckst, kannst Du Erfolge feiern!
Hilfsmittel für deine Ziele
Damit Du deine Ziele dokumentieren und in regelmäßigen Abständen beurteilen kannst, ist es wichtig, einen festen Ort für diese Notizen zu haben. Ein solcher Art kann eine Kladde oder sonstiges Notizbuch sein.
Ein Übetagebuch kann ebenso sinnvoll sein – Wissenschaftler, welches das Üben erforschen, haben sogar eine Empfehlung dafür ausgesprochen. Auf Etsy findest Du einige Vordrucke für Übetagebücher. Auch ich habe eine Druckvorlage für ein Übetagebuch erstellt. Du kannst Dir hier eine Probe kostenlos herunterladen und es ausprobieren.
Belohnung: Ja oder nein?
Für längerfristige Ziele kann eine Belohnung für eine Motivationssteigerung sorgen – z.B. dann, wenn man sich nach einem erfolgreichen Vorspiel etwas Besonderes zur Entspannung gönnt.
Für das tägliche Üben sind Belohnungen nicht die optimale Lösung: Zwar kann eine Belohnung über ein Motivationstief hinweghelfen, allerdings hat die positive Verstärkung auch einen Nachteil. Man gewöhnt sich nämlich mit der Zeit daran, dass man ‚lediglich‘ für eine Belohnung übt – das Üben wird dann Mittel zum Zweck für etwas Angenehmeres als das Üben selbst. Man nennt das in der Psychologie extrinsische Motivation.
Klavierüben sollte aber intrinsisch motiviert sein – das heißt, dass die Motivation dafür ins uns selbst liegt und ohne äußere Anreize auskommt. Intrinsische Motivation ist die Voraussetzung dafür, eine Handlung zu genießen und als angenehm zu empfinden, also alles, was wir uns für das Klavierüben wünschen. Klavierüben sollte durch unsere Neugierde oder unseren Willen zur Verbesserung angetrieben sein.
Fazit
Ziele sind ein wertvolles Mittel, um deine Fähigkeiten auf dem Klavier nachhaltig zu entwickeln. Ziele sind sowohl für einzelne Übungseinheiten als auch für längerfristige Zeiträume sehr sinnvoll: In Übungseinheiten sorgen sie für eine effektive Nutzung der Übezeit, längerfristig helfen Dir Ziele, deine Übeeinheiten zu planen. Achte besonders bei den längerfristigen Zielen darauf, diese sinnvoll zu formulieren, sodass Du diese Ziele erreichen kannst und so Erfolge feiern kannst. Bei der Formulierung von Zielen kann Dir die SMART-Methode oder die Unterscheidung zwischen Ereignis- und Prozesszielen helfen. Nimm Dir regelmäßig Zeit, deine Ziele zu formulieren und den Stand deiner Ziele zu beurteilen. Notiere deine Ziele an einem Ort, wie z.B. einem Notizbuch oder einem Übetagebuch, sodass Du deine Ziele stets präsent hast und deine Klavierpraxis nach ihnen ausrichten kannst. Auf diese Weise wirst Du Ziel für Ziel erreichen und so Schritt für Schritt deinem Traum vom Klavierspiel näherkommen.



