Wie übe ich schnelle Läufe auf dem Klavier?

Gerade aus der fortgeschrittenen Literatur sind sie nicht wegzudenken: Schnelle, spektakuläre Läufe. Diese Passagen stellen uns häufig vor die größten Herausforderungen und machen gleichzeitig am meisten Spaß, wenn man sie beherrscht. Doch wie übt man diese schnellen Läufe am besten ein?

Entgegen häufigen Empfehlungen ist es am effektivsten, schnelle Läufe auch schnell einzuüben. Hierzu sind Übungen wie das punktierte Üben am besten geeignet, da sie sowohl die schnelle Aufeinanderfolge von Noten als auch Ruhepausen beinhalten.

Im Folgenden erkläre ich Dir ausführlicher, wie Du dich einem schnellen Lauf nähern kannst und wie Du ihn erfolgreich und nachhaltig einübst.

Was ist die Schwierigkeit beim schnellen Lauf?

Ein Lauf erscheint häufig aufgrund seines Tempos als schwer. Die Tastenanschläge sollen am Ende so schnell aufeinanderfolgen, dass man das Gefühl hat die Kontrolle zu verlieren. Eine solche Passage kann wie ein fahrendes Karussell wirken: Es dreht sich mit so hohem Tempo, dass man einfach nicht schafft, aufzuspringen.

Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen:

  • Was ist genau die Schwierigkeit in dem jeweiligen Lauf?
  • Gibt es eine kleine Gruppe von Noten, die nicht so leicht zu spielen ist wie die anderen Noten? (Fingersatz)
  • Ist der Lauf vielleicht schnell, aber nicht gleichmäßig? Platzen einzelne Töne heraus? (Unökonomische Bewegungen?)
  • Gerät der Lauf immer wieder ins Stocken? (Geläufigkeit der Finger?)

All dies sind Problemstellungen, die unterschiedliche Themen betreffen können. In den Klammern hinter den Fragen habe ich mögliche Ursachen für ein Problem angegeben – diese Ursache muss aber nicht zwingend auf deine Schwierigkeiten zutreffen.

Einige Strategien für schnelle Läufe

Gute Fingersätze erarbeiten

Gerade für schnelle Läufe ist es wichtig, einen guten Fingersatz zu erarbeiten, der auch im angestrebten Endtempo funktioniert. In schnellen Passagen ist häufig keine Zeit für umständliche oder zu zahlreiche Bewegungen. Sei flexibel genug, um Fingersätze, die Du im langsamen Tempo erprobt hast, später wieder zu verwerfen, wenn Du das Tempo steigerst. Diese Fingersatzkorrekturen gehören zum Übeprozess dazu und sind völlig normal.

Für schnelle Läufe ist es ratsam, möglichst große Gruppen von Noten zu bilden, bei denen Du die Handposition nicht verändern musst (z.B. durch einen Daumenuntersatz). Jeder Wechsel einer Handposition kostet ein bisschen Zeit. Wenn diese Bewegungen zu schnell aufeinander folgen, kann der Lauf dadurch abgebremst werden.

Aber Gruppen von Noten zu bilden, ist auch immer ein Spagat – denn die äußeren Finger der Hand (besonders 4. und 5. Finger) sind nicht so geläufig wie die inneren Finger der Hand. Es kann also hilfreich sein, einen Wechsel der Handposition zu vollziehen, um die äußeren Finger zu entlasten. Fingerkombinationen wie 3,4,5,4,5 werden einen schnellen Lauf mit Sicherheit abbremsen, ein Fingersatzwechsel wäre hier ratsam, um das Tempo zu steigern.

Finger ‚sortieren‘ in langsamem Tempo

Die Geschwindigkeit, mit der man schnelle Läufe spielt, kann zu einem Verlust der Kontrolle von Bewegungen führen. Das bedeutet, dass man nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob eine Bewegung optimal ökonomisiert wurde – also, ob so groß wie nötig, aber so klein wie möglich ist.

Für diesen Zweck ist es hilfreich, einen Lauf in langsamem Tempo durchzugehen. Auf diese Weise bekommt man auch dann ein Gefühl für die Gesamtheit der Stelle, wenn man sie noch gar nicht im Tempo durchspielen kann. Zudem kann man einzelne Bewegungen genau einstudieren und auf diese Weise für das gesteigerte Tempo vorbereiten.

 

Schnelle Läufe müssen schnell geübt werden

Ich höre häufig den Satz „Schnelle Passagen sollte man zunächst in einem ganz ruhigen Tempo üben. Wenn die Stelle abgesichert ist, wirst Du automatisch schneller.“

Lange Zeit habe ich diesen Satz für wahr gehalten und scheinbar in mein Üben eingebaut. Bis ich auf einen wissenschaftlichen Artikel gestoßen bin, der das genaue Gegenteil belegt: Schnelle Bewegungsabläufe lassen sich am Ende nur durch schnelles Üben erlernen.

Nun könnte man einwenden: Wenn ich eine Passage schnell spielen soll, um sie zu erlernen, dann müsste ich sie ja gar nicht mehr lernen.

Tatsächlich aber bestehen gute Übemethoden für schnelle Läufe darin, dass sie zwar ein Gefühl von Ruhe vermitteln, die Bewegungsabläufe aber dennoch schnell einstudiert werden. Aber warum muss man schnelle Bewegungsabläufe auch schnell einüben?

Gemäß der Studienlage gibt es unterschiedliche neurologische Verbindungen, die unsere Bewegungen steuern. Vereinfacht ausgedrückt, gibt es eine ‚Leitung‘, die für langsamere Handlungen genutzt wird, sodass wir diese Handlungen bei ihrer Ausführung ‚beobachten‘ können. Und dann gibt es eine ‚Leitung‘, welche so schnell funktioniert, dass wir die Handlung zwar planen und hinterher bewerten können, aber während der Ausführung nicht korrigieren können.

Viele Läufe so schnell, dass sie über das letztere System gesteuert werden, aus diesem Grund müssen wir sie auch über dieses System lernen. Eine beliebte Übestrategie, um dies zu erreichen ist das punktierte Üben. Ich habe bereits einen Artikel dazu geschrieben, den Du hier findest.

Ich erkläre die Funktionsweise hier nochmal in Kürze:

Bei Passagen, in denen ein gewisser Notenwert vorherrscht (zum Beispiel Sechzehntelketten) kann man den Originalrhythmus einer Passage punktieren. Das heißt, dass jede zweite Note durch eine punktierte Note verlängert wird, während die jeweils anderen Noten auf die Hälfte gekürzt werden. Aus zwei Sechzehntelnoten werden dann eine punktierte Sechzehntelnote und eine 32tel-Note. Es entsteht der Rhythmus lang-kurz-lang-kurz-lang usw. Auf diese Weise werden die Noten 2,4, 6 etc. sehr schnell gespielt, während die Noten 1, 3, 5 usw. einen kurzen Ruhepunkt bilden.

In einem weiteren Schritt kann man die Punktierung umdrehen, dann ist der Rhythmus kurz-lang-kurz-lang-kurz usw. Nun sind die Noten 1, 3, 5 usw. schnell und die Noten 2, 4, 6 usw. sind die Ruhepunkte. Verbringt man mit jeder der Rhythmusvarianten ein wenig Zeit, hat man am Ende jede Note mindestens einmal schnell gespielt, ohne dass das Tempo jemals überfordernd war.

Es gibt noch weitere rhythmische Varianten, die diese Idee weiter ausbauen. Ich verweise nochmals auf meinen ausführlichen Artikel zu diesem Thema.

Kleine Ausschnitte, viele Wiederholungen

Auch wenn Du schnelle Passagen mithilfe rhythmischer Tricks schnell einüben musst, heißt das aber nicht, dass das Üben in irgendeiner Art und Weise mit Stress verbunden sein müsste. Das Üben solcher Passagen ist am nachhaltigsten, wenn Du es mit viel Zeit und Ruhe tust.

Unterteile eine schnelle Passage in kleine Teile und sammle für jeden dieser Teile viele Wiederholungen. Fange zum Beispiel mit zwei 4er-Gruppen an. Übe mithilfe der beiden rhythmischen Varianten von weiter oben und spiele jede Variante einige Male, bis Du ein Gefühl von Sicherheit empfindest. Spiele dann die beiden separat geübten 4er-Gruppen direkt hintereinander. Spiele auch diese 8er-Gruppe in beiden rhythmischen Varianten durch. Kehre dann zum Originalrhythmus zurück und schaue, wie sich das Gefühl für diese Stelle verändert hat.

Gerade wenn in einem Stück eine längere Laufpassage vorkommt, verfällt man leicht in ein punktiertes Durchspielen der ganzen Stelle. Dann hast Du zwar das Gefühl, sehr viel Zeit in den Lauf investiert zu haben, Du bist an jeder Note aber vielleicht nur 3 oder 4 Mal vorbeigekommen. Damit eine Notenverbindung sicher ist, musst Du sie aber deutlich häufiger gespielt haben.

Starte daher mit kleinen Ausschnitten und sammle Wiederholungen: 6x lang-kurz-lang, 6x kurz-lang-kurz und vielleicht noch eine andere rhythmische Variante, die Dir einfällt. Das dauert vielleicht eine Minute und Du hast mindestens 12 Wiederholungen für eine Notengruppe gesammelt.

Auf diese Weise verinnerlichst Du einen schnellen Lauf in kürzester Zeit. Und die Stellen, die Du auf diese Weise gelernt hast, bleiben darüber hinaus sehr lange im Gedächtnis. Auf diese Weise werden schnelle Läufe für Dich in Zukunft kein Hindernis mehr darstellen.

Henning Wölk

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