Was tun bei Lampenfieber?

Erst im Scheinwerferlicht entsteht häufig Lampenfieber

Lampenfieber auf der Bühne ist eines der wichtigsten Themen im künstlerischen Bereich. Du hast Dich hervorragend auf einen Auftritt vorbereitet, doch kurz vor dem Auftritt steigt das Adrenalin: Du entwickelst Symptome wie zittrige Hände, einen trockenen Hals oder Du hast auf einmal einen Blackout und weißt nicht mehr, was Du gleich auf der Bühne spielen wirst. Dass man Lampenfieber vor Auftritten bekommt, hat man sich nicht ausgesucht, aber man kann etwas dagegen tun und die Aufregung bei Konzerten deutlich vermindern. Im folgenden Artikel möchte ich Dir ein paar Tipps geben, wie Du Lampenfieber bekämpfen und vielleicht sogar überwinden kannst!

Lampenfieber – Warum habe ich das überhaupt?

Lampenfieber ist eine Form der Angst, bei der Adrenalin ausgeschüttet wird und eine Reihe von Prozessen im Körper ausgelöst wird. Angst hatte vor Jahrtausenden den Nutzen, den Körper in gefährlichen Situationen auf eine der beiden Handlungen vorzubereiten: Angriff oder Flucht. In Zeiten, in denen wir auf einmal einem Bären gegenüberstehen konnten, war Angst also eine (überlebens-)wichtige Reaktion des Körpers, doch heutzutage ereilt uns dieser Angstzustand auch in Situationen, in denen wir eigentlich genau wissen, dass unser Überleben überhaupt nicht in Gefahr ist – so zum Beispiel, wenn wir einen Auftritt haben.

Das Musizieren vor anderen führt bei vielen Menschen zu Lampenfieber. Auch hier lohnt es sich, nach dem Warum zu fragen: Warum muss ich ausgerechnet hier Angst bekommen? Die Antwort kann sehr individuell sein, aber es gibt einige Faktoren, die eine Auftrittsangst begünstigen können.

  1. Musizieren ist eine sehr intime Tätigkeit.

Beim Musizieren drücken wir uns selbst aus, wir geben unsere innersten Gefühle preis und stehen bei Auftritten damit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Etwas derart Intimes vor einer Vielzahl anderer Menschen zu machen, kann zu einem Zustand der Angst führen.

  1. Unser Selbstwert hängt von technischer Perfektion ab.

In den meisten Fällen ist das Lampenfieber mit der technischen Ausführung von Musik verbunden. Dagegen macht man sich seltener Sorgen darüber, ob die eigene Interpretation eines Stückes beim Publikum ankommen wird. Unsere Fokussierung auf technische Perfektion kann sich aus der musikalischen Erziehung entwickelt haben: Von Anfang an lernen wir im Instrumentalunterricht, technischen Normen zu genügen. Feedback bezieht sich häufig auf Technisches, schließlich sind technische ‚Fehler‘ für das Publikum eindeutiger zu identifizieren als eine Phrase, die mit wenig Fantasie gespielt wurde. Aus diesem Grund neigen wir dazu, einen gelungenen Auftritt an der technischen Sauberkeit zu bemessen – wenn wir uns verspielt haben, verbuchen wir dies als persönliches Scheitern.

  1. Musizieren ist uns sehr wichtig.

Wenn uns etwas wichtig ist, dann stellen wir auch hohe Ansprüche daran. Wenn mir Musik und meine Interpretation völlig egal wären, dann hätte ich wahrscheinlich auch weniger Probleme mit Auftrittssituationen. Da wir aber meistens aus einer Leidenschaft heraus musizieren, haben wir den starken Wunsch, dass alles ‚perfekt‘ verläuft.

Ein großer Konzertsaal kann Lampenfieber begünstigen.

Tipps gegen Lampenfieber

Ich selbst spiele seit 20 Jahren Klavier und hatte immer starkes Lampenfieber. Ich habe ganze Auftritte in den Sand gesetzt, weil mich die Aufregung auf der Klavierbank förmlich überrollte. Meine Hände fingen an zu Zittern und ich hinterfragte auf einmal jeden Ton – das Ergebnis war teilweise katastrophal. Da ich aber immer wieder Auftritte hatte und das Lampenfieber mir und meiner Leidenschaft für Musikvermittlung im Wege stand, habe ich im Jugendalter begonnen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei habe ich ein paar Strategien gefunden, welche die Aufregung vor Auftritten deutlich absenken können. (Für alle Auftritte gilt grundsätzlich, dass ausreichend Zeit für die Vorbereitung des Repertoires zur Verfügung stand.) Ich möchte die Tipps gegen das Lampenfieber in drei Phasen unterteilen:

  1. Beim Üben
  2. Vor dem Konzert
  3. Während des Konzerts

Lampenfieber beim Üben bekämpfen.

Schon beim Üben legen wir den Grundstein für einen gelungenen Auftritt. Denn hier säen wir gewissermaßen das aus, was wir später im Konzert ernten möchten. Wenn wir eine Passage schon während des Übens als ‚Angststelle‘ identifizieren, werden wir auch im Konzert über diese Angststelle nachdenken. Wenn wir ein Stück unter Stress einüben, dann werden wir diesen Stress auch während des Konzerts empfinden. Es ist also wichtig, dass deine Übezeit eine angst- und stressfreie Zeit ist. Ich habe bereits einige Artikel über das Klavierüben geschrieben, schau dort gerne mal vorbei.

  1. Keine Ängste einüben.

Mache Dir immer wieder klar: Jede Passage eines Klavierstücks kann mit den richtigen Übetechniken und ausreichend Zeit abgesichert werden. Wenn wir im Blattspiel-Modus ein Stück durchspielen, identifizieren wir meistens schon die schwierigsten Stellen und speichern diese Passage als solche ab, obwohl wir sie noch gar nicht mit unterschiedlichen Übemethoden bearbeitet haben. Wie häufig wurden die Stellen, die ich anfangs für die schwersten gehalten hatte, später zu den sichersten Stellen! Und dennoch wollten sie im Konzert häufig nicht wirklich funktionieren, denn ich hatte die Passage gleich zu Beginn des Einstudierens mit dem Etikett „schwere Stelle!“ versehen.

Wenn Du also ein neues Stück beginnst, dann gehe mit einer neugierigen Einstellung daran: Suche weniger die zukünftigen Angststellen als vielmehr die schönsten Herausforderungen eines Stücks, die Dich auf deinem Weg voranbringen werden.

  1. Mit Gefühlen üben.

Häufig ist unser Üben sehr auf technische Abläufe fokussiert. Sobald wir etwas technisch abgesichert haben, gehen wir zur nächsten Stelle, die wir noch nicht können, und üben diese, bis wir sie abgesichert haben und zur nächsten Stelle weitergehen können. Auch wenn wir eine Interpretation erarbeiten, übersetzen wir diese in technische Vokabeln: „Der fünfte Finger müsste hier etwas leiser sein… Das Staccato sollte noch kürzer sein… Die Akzente stärker!“ All dies sind wichtige Schritte zur Erarbeitung einer Interpretation. Dabei machen wir uns beim Einüben unsere eigenen Gefühle zu wenig bewusst: Was empfinden wir, wenn wir eine Passage spielen? Wenn wir in einer Konzertsituation sind, verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit und unsere emotionale Welt verändert sich. Gefühle, die wir vorher noch empfunden haben, sind auf einmal verschwunden oder neue Gefühle kommen zum Vorschein.

Wenn Du schon beim Üben Deine Gefühle beobachtest und diese gewissermaßen mit einübst, dann werden sie sich wahrscheinlich auch auf der Bühne einstellen: Eine ruhige Stelle kann Dir ein Gefühl von Entspannung geben und eine fröhlich-tänzerische Stelle wird auch genau diese Wirkung während des Konzerts entfalten.

  1. Lote beim Üben die Grenzen aus.

In den meisten Fällen ist die Konzertfassung eines Stückes das eine Extrem eines Spektrums, auf das wir im Übeprozess hinarbeiten. Das beste Beispiel ist das Tempo. Wir erarbeiten uns ein Stück zunächst langsam und steigern uns immer weiter, bis wir das ‚Konzertempo‘ erreicht haben. Dass wir im Konzert das Gefühl haben, an unser Limit zu gehen, kann eine Quelle für Stress und Lampenfieber sein. Lote deshalb beim Üben deine Grenzen aus und versuche diese zu verschieben. Übe eine Stelle aus Spaß in einem schnelleren Tempo als Du es eigentlich spielen möchtest. Spiele eine leise Stelle noch leiser als Du es im Konzert eigentlich vorhast. Wenn Du ein Spektrum wie „langsam-schnell“ in beide Richtungen ausreizt, dann ist deine Konzertfassung auf einmal eher in der Mitte dieses Spektrums als an einem der Extreme. Du hast also nicht das Gefühl, im Konzert ein Limit zu erreichen, sondern einfach die für Dich schönste Fassung zu spielen.

Jede Passage eines Klavierstücks kann mit den richtigen Übetechniken und ausreichend Zeit abgesichert werden.

Rituale vor dem Konzert:

Du hast Dich über lange Zeit auf einen Auftritt vorbereitet und nun ist der Tag der Aufführung gekommen. Wahrscheinlich war das Einschlafen am vorigen Abend schon schwieriger, weil Dich die Gedanken an das Konzert schon durchzuckten und für jedes Mal für einen Adrenalinstoß sorgten. Jetzt sind es nur noch wenige Stunden bis zum Auftritt und von hier bis zum Betreten der Bühne wird die Aufregung immer schlimmer. Doch auch jetzt, wenn das Üben beendet ist und das Konzert noch nicht begonnen hat, kannst Du einige sehr effektive Dinge gegen dein Lampenfieber tun.

  1. Stelle Dir die Auftrittssituation so genau wie möglich vor.

Es mag vielleicht wie eine Selbstqual wirken, aber sich in den 24 Stunden vor dem Auftritt das Szenario genau vorzustellen, kann verhindern, dass Dich das Lampenfieber auf der Bühne überrollt. Wenn Du den bevorstehenden Auftritt verdrängst und Dich durch Aktivitäten davon ablenkst, wirst Du beim Betreten der Bühne auf einmal realisieren, was passiert: Hundert Augen blicken Dich erwartungsvoll an, alle Scheinwerfer sind auf Dich ausgerichtet, im Saal herrscht gespannte Stille. Das kann zu einer Art Schockzustand führen, der Dich vorübergehend nahezu handlungsunfähig macht – ich spreche leider aus eigener Erfahrung!

Jeder Mensch ist anders – ich kann hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen – aber ich habe mit dem rechtzeitigen Imaginieren der Konzertsituation sehr gute Erfahrungen gemacht. Stelle Dir die Situation genau vor, stelle Dir vor, wie das Publikum im Saal sitzt, höre förmlich den Applaus beim Betreten der Bühne und die Stille, bevor Du zum Stück ansetzt. Welche Schatten werfen die Scheinwerfer auf der Bühne, was kannst Du auf den Gesichtern der Menschen beobachten? Wenn Du Dir alles so detailliert wie möglich vorstellst, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Überraschung viel geringer. Der Saal kann nicht „viel größer als gedacht“ sein, wenn Du ihn Dir den ganzen Tag schon genau ausgemalt hast. Natürlich bist du den ganzen Tag über aufgeregt, aber der Schock, wenn Du dich plötzlich in einem vollen Saal wiederfindest, bleibt aus.

  1. Verwende die Superman-Pose.

Es klingt vielleicht komisch, aber in eine Superhelden-Pose zu gehen, kann Dich wirklich selbstsicherer und risikobereiter machen. Man nennt diese Technik auch Power-Posing. Dafür nimmt man einfach eine Pose ein, die man mit Kraft verbindet. Zwei Posen haben mir schon sehr gut geholfen:

  • Beine hüftbreit aufstellen, den Rücken gerade machen, die Brust herausstellen und die Fäuste auf die Hüfte stemmen. Der Blick geht selbstsicher gerade aus oder in die Ferne.
  • Wie bei einem Torjubel ballt man die Fäuste, nimmt die Ellenbogen auf Schulterhöhe und schüttelt die Fäuste nach Belieben – eben so, als hätte dein Fußballteam gerade ein Tor geschossen. Mit den erhobenen Armen kannst Du auch umhergehen und in unterschiedliche Richtungen ‚jubeln‘.

Verbleibe einige Augenblicke (ca. 2 Minuten) in dieser Pose. Du kannst diese Haltungen nach Belieben wiederholen.

Die Studienlage zum Power-Posing ist geteilter Meinung – es gibt sowohl Studien, die eine Wirkung zu bestätigen scheinen, als auch Studien, die keine Wirkung der Posen belegen können. Bei mir persönlich haben die Posen vor allem gute Gedanken beflügelt – mir kamen dann Sätze in den Sinn wie : „Ich kann das schaffen! Ich habe mich wirklich gut vorbereitet! Was soll schon passieren?“ in den Sinn, die sich anschließend auch auf der Bühne eingestellt haben.

Lampenfieber lässt Dich außergewöhnliche Leistungen vollbringen.

Während des Auftritts: Der Umgang mit Publikum.

Es ist schon eine komische Sache mit dem Lampenfieber: Wenn wir allein für uns spielen, scheint alles zu funktionieren, wir sind gelassen und konzentriert, doch sobald die erste Person den Raum betritt, stellt sich die Nervosität ein und alles fällt auseinander. Am Ende meines Artikels möchte ich Dir daher noch einige Gedanken mit auf den Weg geben, die Dir den Umgang mit Publikum erheblich erleichtern können.

  1. „Ich spiele für eine einzelne Person, nicht für eine große Masse.“

Häufig sind wir von der Vielzahl von Menschen, für die wir musizieren, überwältigt. Eine Quelle des Lampenfiebers kann sein, dass Du das Publikum als eine Vereinigung ansiehst, die in der Mehrheit ist und sich gegen Dich verbünden wird, wenn Du Dich verspielst. Das ist natürlich leicht übertrieben, aber ganz unterschwellig könntest Du solche Gedanken haben. Tatsächlich ist aber jede Person im Publikum für sich allein, denn niemand kann durch die Ohren eines anderen Menschen hören. Du magst während deines Auftritts in 200 Augenpaare schauen können, aber für einen Menschen im Publikum ist es eine 1-zu-1-Situation, in der ihr beide gleichberechtigt seid.

  1. Das Konzert ist ein Dialog.

Dein Auftritt ist keine Einbahnstraße, in der nur Du Emotionen und Anstrengungen investierst. Auch das Publikum ist emotional involviert, es reagiert auf dein Spiel und gibt etwas zurück. Natürlich sind die Möglichkeiten des Publikums sehr begrenzt, aber dennoch resoniert jedes einzelne Individuum in einem Konzertraum mit dem, was auf der Bühne passiert. Jeder Mensch möchte mitgenommen werden auf eine Reise, möchte dein Begleiter sein und sich alles zeigen lassen, was Du in der Musik entdeckt hast. Und so werden einige Menschen mit den Schwingungen deines Körpers mitgehen, ein Lächeln auf dem Gesicht haben, nach einem Stück gerührt schluchzen oder ähnliches. In alldem bist Du ein Teil eines Systems und Kommunikationspartner in einem Dialog.

  1. Das Publikum hat ein Anrecht auf deine Aufregung.

Das Lampenfieber scheint sich noch zu verstärken, wenn wir es durch wütende Gedanken versuchen zu verdrängen. Anstatt den großen Felsbrocken „Lampenfieber“ mit Wut wegschieben zu wollen, kann es auch helfen, diesen Felsen mit Akzeptanz zu zerbröseln. Denn ist es nicht eigentlich völlig angemessen bei einem nicht-alltäglichen Ereignis wie einem Konzert aufgeregt zu sein? Wäre es nicht komisch, so zu tun, als wäre das Konzert nichts Besonderes? Das Publikum möchte etwas Außergewöhnliches erleben und Du möchtest in dem Konzert etwas Außergewöhnliches schaffen. Das Lampenfieber ist dein Garant für Konzentration und Fokus, für Wachsamkeit und Empfindsamkeit für das, was im Konzert passieren wird. Genieße diesen Zustand und nutze ihn aus, denn er wird Dich zu außergewöhnlichen Leistungen beflügeln!

Klavierüben bedeutet: Deinem Gehirn die richtige Reihenfolge und Intensität der Fingerbewegung beibringen.

Fazit

Dies sind einige der Techniken und gedanklichen Hilfen, die ich in meinem Leben häufig angewandt habe und die mir schon viele Male gute Dienste geleistet haben. Manchmal gelingt es mir mehr und manchmal weniger. Wenn Du ein schönes Konzerterlebnis hattest, dann versuche Dir genau dieses Gefühl einzuprägen: Wie war es, sich in einem angeregten Austausch mit dem Publikum zu befinden und jede Resonanz wahrzunehmen? Wie hat es sich angefühlt, von deiner Botschaft getragen deine Interpretation eines Musikwerks ganz frei vortragen zu dürfen? Auf solche Erlebnisse kannst Du Dich bei zukünftigen Auftritten zurückbesinnen.

Lass mich gerne wissen, ob Dir die vorgestellten Techniken geholfen haben. Kontaktiere mich gerne per Mail und berichtet mir von deinen Erfahrungen.

Literaturtipp:

Ein wunderbares Buch, aus dem ich vielfältige Anregungen für meinen Umgang mit Lampenfieber entnommen habe, ist das Buch „Mut zum Lampenfieber“ von Gerhard Mantel. Dort werden zahlreiche Hilfen vorgeschlagen, um Lampenfieber zu akzeptieren und zu bewältigen.

Das beste Buch gegen Lampenfieber - "Mut zum Lampenfieber"

Henning Wölk

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