Du hast das Gefühl, auf dem Klavier hinter deinen Möglichkeiten zu bleiben? Du hast schon für lange Zeit Noten zu deinem Lieblingsstück auf dem Klavier stehen, kannst das Stück aber trotz vieler Versuche immer noch nicht spielen? Üben frustriert dich, du findest es anstrengend und würdest das Stück am liebsten sofort spielen können?
Falls Dir diese Gedanken kommen, wenn du ans Klavier denkst, dann lass Dir zwei Sachen gesagt sein:
- Fast jede Person, die Klavier lernt, hatte schon einmal diese Gedanken.
- Du bist hier goldrichtig, denn in diesem Artikel möchte ich Dir ein paar schnelle und unkomplizierte Lösungen anbieten, wie du mit mehr Spaß, Entspannung und Erfolg Klavierüben kannst.
Ein paar selbstverständliche Dinge zu Beginn:
Zunächst möchte ich ein paar Dinge erwähnen, die weniger mit Übetechniken, sondern mehr mit deiner Selbstorganisation zu tun haben:
- Übe lieber häufiger und kürzer als selten und lange.
Dieser Tipp dürfte sich von selbst verstehen. Üben ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die volle Konzentration und daher viel Energie braucht. Mache also auch bei einer längeren Übe-Session Pausen. Wenn es Dir schwerfällt, den richtigen Moment für eine Pause zu finden, stelle Dir einen Wecker auf 20 oder 30 Minuten und mache dann Pausen von mindestens 10 Minuten.
- Übe nicht zur unproduktivsten Zeit.
Auch dieser Ratschlag gehört nicht gerade zu den Geheimtipps. Doch vielleicht betreibst Du das Klavierspiel als ein Hobby und möchtest gerade am Ende eines langen Arbeitstages noch ein bisschen an deinem Klavierspiel feilen. Erwarte aber spätabends keine Wunder mehr von deinem Gehirn. Wenn du müde bist, sinkt auch die Konzentrationsfähigkeit und das Üben kann schnell zu einer frustrierenden Angelegenheit werden. Empfehlenswerter kann es da sein, sich morgens mit einem Kaffee ans Klavier zu setzen.
- Habe realistische Ziele.
Heutzutage scheint das Internet voll zu sein von Wunderkindern, die scheinbar mühelos die Unvorstellbarsten Dinge auf dem Klavier bewerkstelligen können. Wir neigen dazu, diese Videos als mühelose Ereignisse wahrzunehmen, anstatt den mühevollen Prozess bis zu dieser Aufnahme zu sehen. Sei also beruhigt: Wunderkinder wie Mozart haben seit frühester Kindheit nichts anderes gemacht, als sich den gesamten Tag mit Musik zu beschäftigen und das heißt vor allem, Instrumente zu üben. Möchtest Du nicht ebenfalls 12 Stunden am Tag mit dem Klavierüben verbringen, so setze Dir realistische Ziele. Gehe von der Frage aus: Wie viel kann ich realistisch in einer 30-minütigen Übe-Session schaffen?
Das sind nur ein paar Grundlagen, die gewissermaßen das Fundament für erfolgreiches und zufriedenstellendes Üben darstellen. Nun wollen wir noch etwas genauer auf dein mentales Konzept vom Üben schauen: Was erwartest Du von einer Übephase? Wie gestaltest Du die Zeit am Klavier?
Ein kleiner Disclaimer: Im folgenden Überschriften sind als negative Sätze formuliert. Damit möchte ich auf keinen Fall Anschuldigungen und Bewertungen äußern. Die Formulierung der Sätze soll Dir dabei helfen, Punkte, die Dich betreffen, herauszufiltern. Wenn Du Dir bei einer Überschrift also denkst: „Das stimmt ja gar nicht!“ kannst du den Absatz wahrscheinlich überspringen. Wenn Du Dir denkst: „Ja, genau so geht es mir!“ dann könnte Dir der betreffende Abschnitt helfen, das Problem zu überwinden.
Du machst keinen Unterschied zwischen Blattspiel und Üben.
Eines der weitverbreitetsten Konzepte, das ich im Zusammenhang mit Üben immer wieder beobachte, ist die Gleichsetzung von Blattspielen und Üben. Blattspielen bedeutet, einen unbekannten Notentext in Echtzeit möglichst effizient auf dem Klavier abzubilden. Dabei ist es wichtig, den Notentext möglichst schnell zu erfassen und gleichzeitig mit den Fingern auszuführen. Hierbei sind vor allem zwei Fähigkeiten von Bedeutung:
- Aus einem Teil auf das Ganze schließen: Häufig wird dies als periphere Sicht bezeichnet, letztlich ist beim Blattspielen das Blickfeld wohl nur wenig geweitet. Vielmehr hat man die Fähigkeit entwickelt, anhand von Einzelbeobachtungen Nicht-Betrachtetes zu ergänzen. So sieht man einen Bassverlauf und hat eine Vermutung, welche Harmonien in der rechten Hand stehen könnten. Ein kurzer Blick bestätigt die Vermutung und man spielt z.B. eine Kadenz.
- Unwichtiges Weglassen: Beim Blattspielen geht es zu einem großen Teil auch um Stressbewältigung. Ein unbekannter Notentext hält eine unglaubliche Fülle an Informationen für uns bereit – beim Blattspielen ist es in der Regel unmöglich alle Informationen aufzunehmen und gleichzeitig auszuführen. Man ist also gezwungen, Dinge auszulassen und sich auf das Wesentliche der Musik zu konzentrieren (was auch immer das genau sein mag?!).
Man kann das Blattspiel auf ein so hohes Niveau heben, dass auch komplexe Stücke beim ersten Mal ansehen sehr gut auf dem Klavier abbilden kann. Zwei Dinge wird Blattspiel aber niemals ersetzen können:
- Sicherheit
- Entspannung
Sicherlich wird mir einige Korrepetitor*innen jetzt widersprechen: Es ist sehr wohl möglich, beim Blattspiel körperlich entspannt zu sein. Mit Entspannung ist in diesem Zusammenhang aber nicht der Muskeltonus gemeint, sondern die mentale Entspannung bei der Ausführung der Musik. Für die braucht es nämlich Sicherheit und Routine, s. Punkt 1.
Ich sehe nun beim Klavierüben häufig folgendes Szenario: Ein Mensch möchte ein Stück auf dem Klavier üben und spielt es dafür immer wieder von Takt 1 an durch. Dabei wird geschaut, wie weit man kommt: Wo es schwieriger wird, drosselt man das Tempo und wird ein Fehler gemacht, fängt man einfach weiter vorne oder am Anfang wieder an.
Das Problem: Diese Übemethode ist sowohl zeitintensiv als auch stressig. Warum sollte ich in Takt 1 beginnen, wenn die einzige schwierige Stelle sich erst in Takt 9 befindet? Stressig ist die Methode, weil bei ständigem Durchspielen die Anzahl der zu beobachtenden Dinge geradezu explodiert: Ja, Takt 9 war jetzt schon besser, aber war der Sprung in Takt 5 sauber ausgeführt, habe ich in Takt 2 wirklich piano gespielt?
Üben ist ein bewusster, zielgerichteter und stressfreier Vorgang.
Beim Üben sollte Stress abwesend sein. Übe einen kurzen Ausschnitt und mache mit ihm mehrere Übedurchgänge. Dabei solltest du immer die drei Phasen eines Übedurchgangs beachten:
- Planung: Überlege Dir, was das Ziel des folgenden Überdurchgangs ist.
- Durchführung: Spiele die ausgewählte Stelle und versuche, das geplante Ziel umzusetzen.
- Evaluation: Entscheide, ob Du das geplante Ziel ohne ein Gefühl von Stress umgesetzt hast.
Letztlich gibt es noch eine vierte Phase – sie entspricht letztlich aber wieder einer ersten Phase: Nach der Evaluation solltest Du gegebenenfalls dein Übeziel neu formulieren.
Du machst ständig Fehler.
In der Musik gibt es keinen fataleren Satz als: „Du darfst keine Fehler machen!“. Dieser Satz hat bereits Generationen von Musik-Enthusiast*innen die Freude am Musizieren genommen. Natürlich gehören Fehler zum Musizieren dazu und das ist auch gut so! Für das Klavierspielen gilt dieser Satz also keinesfalls. Für das Üben hingegen würde ich ihn etwas umformulieren:
Übe so, dass du keine Fehler machen musst.
Etwas bereits Erlerntes umzulernen, ist viel aufwendiger als etwas Unbekanntes zu erlernen. Wer die Blattspiel-Methode für das Üben anwendet, wird immer wieder so weit spielen, bis ein Fehler passiert. Das Problem dabei ist: Durch das Falsch-Spielen einer Stelle lernt unser Gehirn nicht, wie eine Stelle richtig zu spielen ist. Stattdessen müssen wir korrekte Wiederholungen einer Stelle sammeln, die zu einer Art „Routine“ für die jeweilige Stelle führen.
Üben ist ein Prozess vom Unbewussten zum Bewussten zum Unbewussten.
Betrachte es so: Beim Übeprozess zerlegst Du ein Musikstück in seine Bestandteile und machst Dir seine Eigenschaften bewusst. Der Übeprozess setzt bei diesem Bewusstmachen an und versucht durch Wiederholungen, die (motorischen) Abläufe während eines Musikstücks wieder unbewusst werden zu lassen. So wird das Spielen eines geübten Klavierstücks zu einem unbewussten Vorgang, bei dem sich ‚die Finger wie von allein bewegen.‘
Was den Schwierigkeitsgrad von Übedurchgängen anbelangt, stellt die Flow-Theorie uns einen wertvollen Rahmen bereit: Eine Aufgabe ist im Schwierigkeitsgrad dann gut gewählt, wenn sie zwischen an der Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem liegt. So vermeidet man Unter- und Überforderung beim Üben.
Üben ist ein Prozess vom Unbewussten zum Bewussten zum Unbewussten.
Du übst immer auf dieselbe Art und Weise
Im Laufe der Zeit legt man sich ein Repertoire von Übemethoden an, welches man nutzt, um Stücke zu üben. Dieses Repertoire ist meistens erstaunlich klein. Läufe beispielsweise werden punktiert geübt, schnelle Passagen im Tempo gedrosselt usw. Wollen wir beim Üben jedoch gefordert bleiben und Sicherheit in einem Stück gewinnen, so ist es empfehlenswert eine Passage aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten. Spiel eine Passage langsam, aber schnell, akzentuiere jede zweite oder dritte Note, spiele alles staccato und langsam. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt und man sollte sein eigenes Gehirn immer wieder mit neuen und kreativen Übemethoden ‚überraschen‘. So stellt man sich immer wieder kleine Herausforderungen, bleibt in seinem Klavierspiel flexibel und erarbeitet sich nebenbei unterschiedliche Interpretationsvarianten.
Du beobachtest dich nicht selbst.
Häufig schaltet man beim Üben auf Autopilot. Man setzt sich als Aufgabe, eine bestimmte Passage mit dem Metronom oder ein paar Mal punktiert zu üben. Doch beobachtet man dabei wirklich, wie es sich anfühlt, die Passage auf diese oder jene Art zu spielen? Macht man sich mit dem Spielgefühl einer Stelle vertraut? Wo lag beim letzten Durchgang genau die Schwierigkeit?
Beim Üben ist es eine der wichtigsten Aufgaben, sich selbst immer wieder zu beobachten und anhand einer genauen Betrachtung von technischen Schwierigkeiten die für sich passendste Übemethode auszuwählen. Vielleicht würde man eine schnelle Passage aus Gewohnheit punktiert üben, obwohl in Wahrheit ein Fingersatz nicht günstig gewählt ist. Vielleicht spielt man einen Akkord nicht falsch, weil er nicht angenehm in der Hand liegt, sondern weil der weite Sprung dorthin noch nicht abgesichert wurde.
Fazit
Selbstbeobachtung und Reflexion sind die wichtigsten Disziplinen im Üben. Zum Übe-Profi wird man dann, wenn versteht, was einem zum Bewältigen einer Passage fehlt und anschließend die passende Übemethode parat hat. Kreativität im Erstellen von Übemethoden zahlt sich aus: Auf diese Weise beugt man Langeweile aufgrund von ewiggleichen Übedurchgängen vor.
Erfolgreiches Üben ist immer Prozess vom Bewussten zum Unbewussten. In Übegängen sorgt die Fähigkeit der Selbstbeobachtung dafür, dass ein solcher Durchgang stets aus drei Phasen besteht: Für die ausgewählt Passage wird ein Ziel formuliert, anschließend wird versucht, das Ziel im Klavierspiel umzusetzen und abschließend wird evaluiert, inwieweit der letzte Versuch erfolgreich war. Mit diesen Erkenntnissen plant man nun den nächsten Übedurchgang usw.
Wähle die Ziele und Methoden dabei so, dass Du keine Fehler machen musst – diese können beim Üben ein Hinweis auf Überforderung sein. Suche stattdessen einen Weg, der dich beim Üben entspannt sein lässt. Auf diese Weise übst Du die Entspannung beim Spiel eines Stückes gleich mit ein. Auf diese Weise wirst du sicherlich bald deine Lieblingsstücke technisch sicher und mit Freude musizieren können.



