Klavier lernen im Selbststudium – 6 Tipps für den Erfolg

Klavier lernen im Selbststudium

Du möchtest gerne Klavier lernen und bevorzugst das Selbststudium, statt Klavierunterricht bei einer Lehrerin oder einem Lehrer zu nehmen? Wunderbar! Denn mittlerweile gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie Du Dir ohne eine Lehrkraft das Klavierspiel beibringen kannst. Ich möchte Dir in diesem Artikel sechs Tipps mit auf den Weg geben, wie das Selbststudium auf dem Klavier zum Erfolg wird.

1. Etabliere eine Überoutine

Der wichtigste Faktor für deinen Fortschritt im Selbststudium ist eine regelmäßige Überoutine. Das mag zwar recht offensichtlich klingen, aber bedenke: Im Selbststudium hast Du im Gegensatz zum Klavierunterricht bei einer Lehrerin oder einem Lehrer keinen ‚Termindruck‘. Dieser Druck kann zwar hin und wieder für Stress sorgen, doch manchmal sorgt der Gedanke an die nächste Klavierstunde auch für das kleine Bisschen Extra-Motivation, das Dich tatsächlich ans Klavier gehen und üben lässt. Im Selbststudium hast Du diese externe Motivation nicht. Versuche daher, Dir wie in anderen Lebensbereichen (Sport, Haushalt etc.) ebenfalls eine Routine aufzubauen. Viermal die Woche für 20 Minuten konzentriert üben ist z.B. ein gutes Pensum für den Anfang. Wenn das Klavierüben zu einer alltäglichen Sache wird, dann werden sich auch große Fortschritte einstellen.   

2. Organisiere Dir Auftrittsgelegenheiten

Ein wichtiger Bestandteil im klassischen Klavierunterricht sind regelmäßige Klassenvorspiele, bei denen Du die Gelegenheit bekommst, anderen Menschen deine Fortschritte zu präsentieren. Dies hat zwei Effekte: Zum einen ist dies ein gutes Bühnentraining, zum anderen kanalisiert ein bevorstehendes Vorspiel deinen Fokus – häufig macht man in den Wochen vor einem Auftritt die größten Fortschritte auf dem Instrument.

Nur weil Du Dich für das Selbststudium entschieden hast, bedeutet das aber nicht, dass Du auf Vorspiele verzichten musst. Nutze jede Gelegenheit, um deine Fortschritte zu präsentieren:

  • Organisiere ein eigenes Vorspiel, bei dem Du ein paar Freunden oder Bekannten etwas vorspielst.
  • Erarbeite Stücke für Feiertage oder Geburtstage.
  • Spiele auf Feierlichkeiten im Familienkreis.
  • Nimm an Open Stages teil.

3. Setze Dir konkrete Ziele

Es ist wichtig, dass Du Dir konkrete Ziele für dein Selbststudium setzt. Konkret formulierte Ziele steigern deine Motivation und helfen Dir, Dich in der Vielzahl der Möglichkeiten zu orientieren. Ziele können wie unter Punkt 2 Auftrittsgelegenheiten sein, es lohnt sich aber auch, auf inhaltlicher Ebene Ziele zu formulieren: Möchtest Du Dich in der kommenden Zeit mit einer bestimmten Stilistik befassen? Möchtest Du Stück X bis zum Monat Y erlernt haben? Möchtest Du täglich 5 Minuten deiner Zeit am Klavier, dem Üben von Tonleitern widmen?  

Um gute Ziele zu formulieren, gibt es unterschiedliche Methoden, die bekannteste ist wahrscheinlich die SMART-Methode. Sie verhindert, dass Du Dir beispielsweise das Ziel setzt: „Ich möchte auf dem Klavier besser werden“ und dieses gefühlt nicht erreichst.

Die SMART-Methode stellt folgende Anforderungen an Ziele:

  1. S = Spezifisch
  2. M = Messbar
  3. A = Attraktiv
  4. R = Realistisch
  5. T = Terminiert

Die SMART-Methode ist zwar ein absoluter Klassiker, doch meines Erachtens gibt es auch Fälle, in denen die SMART-Methode nicht die beste ist. Aus diesem Grund möchte ich Dir noch eine andere Art vorstellen, über Ziele im Selbststudium nachzudenken.

Man kann Ziele aus zwei Perspektiven heraus definieren. Ich nenne diese Typen Ereignis-Ziele oder Prozess-Ziele:

  1. Ereignis-Ziele definieren, was zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft erreicht sein soll, z. B. möchtest Du ein Stück bis zu einem Vorspieltermin beherrschen. Das Ergebnis ist also fixiert, der Prozess dorthin ist allerdings offen – ob Du bis zum Vorspiel 15 Minuten oder 2 Stunden pro Tag üben wirst, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Zusammengefasst: Das Ergebnis ist fix, der Prozess ist offen.
  2. Prozess-Ziele definieren den geplanten Aufwand für eine Zeitspanne in der Zukunft. Hier ist es also genau andersherum: Der Prozess ist definiert, das Ergebnis ist offen. Du definierst ein solches Ziel, wenn Du z. B. „jeden Tag 5 Minuten Tonleitern üben möchtest“, oder sagst: „Ich möchte jede Woche dreimal 30 Minuten üben.“

Beide Zieltypen sind für unterschiedliche Kontexte geeignet. Wenn Du einen Auftritt hast, dann lässt Dich ein Ergebnis-Ziel alles Notwendige tun, um dieses Ziel zu erreichen. Die Gefahr ist allerdings ein Jojo-Effekt. Nachdem Du für ein Ergebnis überproportional viel Zeit eingesetzt hast, kommt es häufig zu einem anschließenden Motivations-Tief. Ebenso können Prozess-Ziele sehr gut dafür geeignet sein, um Gewohnheiten zu etablieren oder seine Zeit effektiv einzusetzen. Bei Prozess-Zielen ist die Gefahr, dass eine Evaluation des Erfolgs schwierig bzw. nicht möglich sein kann: Wenn Du bei einem Auftritt unsicher und unzufrieden warst, dann hast Du dein Ergebnis-Ziel nicht erreicht. Aber wie evaluiert man, ob man bei einem Prozess-Ziel erfolgreich war? 30 Minuten auf der Klavierbank zu sitzen, heißt noch nicht, sich in einem zielgerichteten Prozess zu befinden.

Formuliere deine Ziele daher so konkret wie möglich (z. B. anhand der Smart-Methode), egal ob es sich um ein Ergebnis oder einen Prozess handelt. Eine Kombination beider Zieltypen kann im Übrigen auch sinnvoll sein.

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4. Musiziere gemeinsam mit anderen Menschen

Musik ist eine wunderbare Möglichkeit, um Dich selbst auszudrücken, kreativ zu werden oder dich zu entspannen. Ein wesentlicher Bestandteil von Musik ist aber auch ihre soziale Komponente: Musik verbindet Menschen und ist vor allem eine soziale Handlung. Dass Du Klavier im Selbststudium lernen möchtest, heißt also noch lange nicht, dass Du dies immer allein tun musst. Suche Dir andere Menschen, die gemeinsam musizieren möchten – im gemeinsamen Musizieren lernt man mindestens genauso viel wie auf der heimischen Klavierbank. Außerdem kann man sich im Zusammenspiel mit anderen Menschen neue Impulse und großartige Inspirationen holen.

5. Hole Dir Rat bei Freunden / Bekannten

Wenn Du Klavier lernst, werden mit der Zeit zwangsläufig Fragen entstehen. Im klassischen Klavierunterricht könnte man solche Fragen mit in die nächste Klavierstunde nehmen und dort thematisieren. Im Selbststudium hast Du diese Möglichkeit leider nicht. Dennoch gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Antworten auf deine Fragen zu finden:

  • In Klavier-Foren werden die unterschiedlichsten Themen diskutiert, so auch Fragen zu Technik oder Übestrategien. (Einige Foren: Clavio.de, Musiker-Board.de, musiktreff.info.)
  • Auf YouTube gibt es eine Reihe von Kanälen, die sich mit dem Klavierlernen auseinandersetzen (z.B. „spielend Klavier lernen“ oder Torsten Eil). Dort findest Du unter anderem Übe-Tutorials, Anfängerkurse und Videos zu speziellen Themen rund um das Klavier.
  • In Klavier-Apps gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Video-Kursen, die insbesondere für Anfänger*innen auf dem Klavier konzipiert wurden. Dort werden musiktheoretische oder spieltechnische Grundlagen vermittelt.

So wertvoll und vielfältig diese Möglichkeiten sind, so können sie doch nicht immer den persönlichen Kontakt und das Thematisieren einer Fragestellung in persona ersetzen. Hier kann ich Dir empfehlen, deinen Freundes- und Bekanntenkreis einmal mental durchzugehen. Fast jeder Mensch hat in seinem Bekanntenkreis jemanden, der oder die ein Musikinstrument spielt und vielleicht schon recht fortgeschritten ist. Viele Themen zu Übemethodik und Selbstmanagement funktionieren instrumentenunabhängig. Frage also mal in deinem Bekanntenkreis herum oder schreibe gezielt Freunde/Bekannte an, die ein Instrument spielen. Führt auch die Befragung des Bekanntenkreises zu keinen Ergebnissen, hat man immer noch die Möglichkeit, z.B. über eine Musikhochschule oder Musikschule eine Einzelstunde bei einer Lehrerin oder einem Lehrer zu buchen.

6. Hole Dir Unterstützung von professionellen Quellen

Das Internet ist voll mit Beiträgen zum Klavier im Selbststudium, auf dem Notenmarkt gibt es unzählige Klavierschulen, die für das Selbststudium konzipiert sind. Der Entschluss, Klavier im Selbststudium zu lernen kann eventuell auch deshalb entstanden sein, weil man das Gefühl hat, auch jenseits „überteuerter Klavierstunden“ und „übermäßig technikfokussierten Lehrbüchern“ Fortschritte erzielen zu können. Und auch wenn ich den durchschnittlichen Unterrichtspreis häufig für angemessen halte und ich eine Reihe sehr guter Lehrbücher für das Selbststudium kenne, verstehe ich diesen Entschluss und unterstütze ihn in Teilen explizit: Wer eine gute Selbstwahrnehmung, große Begeisterung für Musik und ein kleines bisschen Disziplin mitbringt, wird auch ohne die ‚etablieren Hilfsmittel‘ wunderbar Klavier lernen können.

Andererseits ist Klavierspielen ein komplexer Prozess. Während wir uns auf unsere motorischen Abläufe konzentrieren und diese eventuell mit einem Notentext abgleichen, müssen wir uns selbst betrachten (Hand- und Körperhaltung, Verspannungen etc.) und uns gleichzeitig zuhören (Phrasierung, Dynamik, Artikulation etc.) können. Anhand dieser Informationen müssen wir zu einer Beurteilung kommen und den nächsten Handlungsschritt planen. Diesen kontinuierlichen Prozess zu verstehen und anderen Menschen zu vermitteln, ist dementsprechend eine komplexe Aufgabe. Es gibt Spezialist*innen, die sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben und beispielsweise Instrumentalpädagogik studiert haben. Scheue Dich daher nicht, bei Fragestellungen oder Problemen professionelle Quellen zu konsultieren. Auch wenn ein Lehrbuch oder eine Stunde bei einer Lehrerin oder einem Lehrer ein Investment ist: Wichtig ist, dass Du gesund und stressfrei deine Ziele auf dem Klavier erreichst. Eine leichtverspannte Handhaltung, die Du eventuell selbst gar nicht bemerkst, kann der Auslöser für langwierige Komplikationen sein. Druck, den Du Dir beim Üben selbst auferlegst, kann zu einer Stressquelle für Dich werden. Hin und wieder einen Profi auf diesem Gebiet zu konsultieren, kann Dich vor genau diesen Dingen bewahren.

Klavier und Tablet mit einer Klavierlern-App

Klavier lernen mit Apps oder Büchern

Beide Möglichkeiten haben Vor- und Nachteile. Apps haben den großen Vorteil, dass sie mithilfe von Videomaterial technische Zusammenhänge genauer erläutern können. Gleichzeitig ist die Übemethodik in Apps häufig recht statisch: Vor allem wird dort das Loopen und langsames Üben ins Zentrum gestellt. Man wird in Apps zwar sehr eng beim Üben geführt, aber eben immer auf die gleiche Art und Weise. Darüber hinaus gibt es aber unzählige kreative und flexible Übemethoden, die Dir in genau deiner Situation am besten helfen können. Fortschritt auf dem Klavier bedeutet auch, sich ein Repertoire an Übemethoden aufzubauen, sodass man für jede Situation die richtige Methode parat hat.

Klavierlern-Apps verfügen über große Notenbibliotheken, die Stücke und Songs in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden anbieten. Auf diese Weise kann man sehr unkompliziert ausprobieren, ob ein bestimmtes Stück in einem Schwierigkeitsgrad gerade geeignet ist – ist dies nicht der Fall, probiert man einfach einen anderen Schwierigkeitsgrad oder wechselt zu einem anderen Stück. Diese Flexibilität hat man bei Lehrbüchern und Notenbänden natürlich nicht. Hier hast Du häufig eine kleine Auswahl an Stücken in einem bestimmten Schwierigkeitsgrad. Ist der Schwierigkeitsgrad nicht angemessen oder ist dein aktueller Lieblingssong nicht im Notenband enthalten, musst Du also einen neuen Notenband erwerben. Die Auswahl der Stücke in einer Klavierschule ist häufig anhand technischer Überlegungen erfolgt: So lernt man beim Fortschreiten im Lehrbuch immer mehr technische Vokabeln dadurch, dass man sie in Stücken trainiert und gebraucht. In einer guten Klavierschule erhält man also Erläuterungen zu technischen Herausforderungen. In einer App gibt es zu den Stücken keine technischen Erläuterungen. Ist eine Passage schwierig, so erfährt man nicht, warum diese schwierig ist und wie man die Schwierigkeit überwinden kann.

Die Auswahl in Klavierlern-Apps kann auch zu einer Ablenkung werden. Eine Klavierschule ist meist als ein Lehrgang aufgebaut, in dem man kontinuierlich fortschreitet. In einer App mit Notenbibliothek ist das nächste Stück abhängig von deinen aktuellen Vorlieben oder dem, was Dir in der App gerade attraktiv erscheint. Es kann zu einer Art Stück-Hopping kommen, bei dem man jedes Stück nur für kurze Zeit übt und bevor man es wirklich beherrscht, schon zum nächsten fortschreitet.

Möchtest Du detailliertere Informationen zu den verschiedenen Unterrichtsformen? Dann schaue gerne in meinem ausführlichen Artikel zu diesem Thema vorbei.

Fazit

Klavierlernen im Selbststudium ist eine legitime Alternative zum Klavierunterricht mit einer Lehrerin oder einem Lehrer. Im Selbststudium kann man ganz gezielt seinen Interessen nachgehen und sich individuelle Zugänge zur Musik erarbeiten. Das Selbststudium verlangt aber auch einiges an Selbstdisziplin und Selbstmanagement ab. Die obigen Tipps sollen Dir dabei helfen, gesund und stressfrei das Klavierspiel zu erlernen und deine Ziele zu erreichen. Ob Du dich für eine Klavierlern-App oder eine Klavierschule entscheidest, ist dabei nicht von entscheidender Bedeutung. Sei aufmerksam und nachsichtig mit Dir und gib Dir ausreichend Zeit für Fortschritte. Klavier zu lernen, ist eine wunderbare Tätigkeit und ein spannender Prozess. Diesen Prozess zu genießen, ist am Ende wahrscheinlich das Wichtigste für nachhaltige Fortschritte auf dem Klavier.

Henning Wölk

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