Du bist Erwachsen und hegst seit längerem den Wunsch, Klavierspielen zu lernen – Du bist aber unsicher, wie Du es angehen sollst?
Dich beschäftigen wahrscheinlich einige der folgenden Fragen:
- Welches Instrument soll ich mir kaufen?
- Bin ich zu alt, um Klavier zu lernen?
- Woher weiß ich, dass das Klavier das richtige Instrument für mich ist?
- Sollte ich Klavierunterricht bei einem Lehrer nehmen oder lieber mit einer App lernen?
- Was sind meine ersten Schritte auf dem Instrument?
- Wie schaffe ich es, parallel zum Arbeitsalltag regelmäßig zu üben?
In diesem Artikel möchte ich Dir auf all diese Fragen Antworten geben und Dir dabei helfen, deinen Wunsch vom Klavierspiel ohne Unsicherheiten oder Schwierigkeiten in die Tat umzusetzen. Deshalb habe ich diesen Artikel als eine Schritt-für-Schritt-Anleitung geschrieben, die Du nach und nach abarbeiten kannst.
Die 7 Schritte lauten:
Man ist nie zu alt, um Klavier zu lernen!
Die erste Frage kann ich Dir gleich zu Beginn beantworten: Egal wie alt Du bist, Du bist auf keinen Fall zu alt, um Klavier zu lernen. Ich habe bereits einen sehr ausführlichen Artikel zu diesem Thema geschrieben, den ich Dir hier verlinkt habe.
Da ich es unabhängig vom Alter für sinnvoll und bereichernd halte, das Klavierspiel zu erlernen, starte ich gleich mit der pragmatischen Anleitung für deinen Einstieg auf dem Klavier.
1. Finde für Dich heraus, ob das Erlernen des Klavierspiels gerade realistisch ist?
Mit dem Klavierspiel verhält es sich leider nicht anders als mit jedem anderen Hobby auch: Es ist schwer, eine neue Tätigkeit nachhaltig in unseren Alltag zu integrieren. Die berühmten Neujahrsvorsätze, wie z.B. regelmäßig ins Fitness-Studio zu gehen, häufiger gesund zu kochen oder ein Tagebuch zu führen, halten leider nie sehr lange. Das liegt zum einen daran, dass wir Menschen absolute ‚Gewohnheitstiere‘ sind. Tätigkeiten, die wir uns bereits angewöhnt haben, laufen dadurch wie von selbst – neue Tätigkeiten hingegen, müssen sich gegen alte Gewohnheiten mühsam durchsetzen und bleiben deshalb häufig auf der Strecke. Auf der anderen Seite denken wir bei unseren Vorsätzen und wünschen häufig an ein einzelnes Event und weniger an den Prozess: Wir möchten fit sein, aber nicht jeden Tag ackern, um fit zu werden. Wir möchten schlank sein, aber nicht jeden Tag auf Süßigkeiten verzichten müssen, um schlank zu werden. Wir möchten Klavierspielen können, aber nicht jeden Tag Klavier üben müssen.
Die Vorstellung, das Lieblingsstück auf dem Klavier spielen zu können, ist wunderbar. Doch der Weg dorthin braucht Zeit und erfordert Disziplin und Konzentration. Um erfolgreich Klavier zu lernen, sollte Dir daher nicht nur das Endergebnis – das fertige Stück – Freude bereiten, sondern auch der Prozess des Klavierlernens Spaß machen. Klavierlernen bedeutet, jeden Tag seine Grenzen zu verschieben, sich selbst besser kennenzulernen und beständig daran zu arbeiten, seine Vorstellungskraft in Klänge zu übertragen. Klavierlernen bedeutet, sich an kleinen Erfolgen zu freuen, den Blick auf Details zu richten und Schönheit in diesen Details zu erkennen. Klavierlernen bedeutet aber auch, seine Finger, Vorstellungskraft und Koordination beständig zu trainieren, häufig durch Wiederholungen kleinster Bausteine.
Nimm Dir Zeit, um Dir über die folgenden Fragen Klarheit zu verschaffen:
- Wird mir der Prozess des Klavierlernens so viel Freude bereiten, dass ich meine Ziele auf dem Instrument erreichen kann?
- Habe ich in meinem Alltag ausreichend Zeit, um Klavier zu lernen?
- Möchte ich dem Klavier in meiner jetzigen Lebenssituation eine höhere Priorität geben?
Beantworte Dir die Fragen in genau dieser Reihenfolge. Die erste Frage bildet nämlich den Grundstein für jeglichen Erfolg auf dem Klavier: Du kannst noch so viel Zeit haben und dem Klavier die höchste Priorität geben. Wenn Du keine Freude am Prozess des Klavierlernens hast, wirst Du deine Zeit wohl kaum dem Klavier widmen. Andersherum brauchst Du einen gewissen Zeiteinsatz, um den Prozess des Klavierlernens in Bewegung zu bringen. Und erst wenn Du diese Zeit wirklich einsetzt, weil das Klavierspiel in deinem Leben eine gewisse Priorität hat, wirst Du wirklich regelmäßig auf der Klavierbank sitzen und an deinem Traum vom Klavierspiel arbeiten.
Sei in deiner Einschätzung möglichst realistisch und ehrlich zu Dir: Es wäre schade, wenn Du erst nach einem Jahr erkennst, dass Du in deinem tiefsten Inneren eigentlich mit jeder freien Minute deine Karriere vorantreiben wolltest und nun ‚ein bisschen Klavier spielst‘ und ‚ein bisschen Karriere‘ hast.
Wie viel Zeit sollte ich pro Woche für das Klavierüben haben?
Die erforderliche Zeit hängt von deinen Zielen ab. 3 x 30 Minuten pro Woche, in denen Du konzentriert übst, können aber am Anfang zu großen Fortschritten führen.
Wenn Du für Dich herausgefunden hast, dass Du das Klavierspiel wirklich erlernen möchtest und dem Klavier eine hohe Priorität einräumen möchtest, wird es Zeit, den ersten konkreten Schritt zu unternehmen. Doch bevor Du Dir ein Instrument kaufst oder einen Unterrichtsvertrag an einer Musikschule abschließt, möchte ich einen Schritt einschieben, der Dir die letzte Sicherheit für deine Entscheidung geben soll.
2. Vereinbare eine Probestunde
Man kann versuchen, es sich noch so detailliert vorzustellen: Ohne jemals an einem Klavier gesessen zu haben, sollte man keine Entscheidung fällen. Eine Probestunde kann Klarheit in beide Richtungen verschaffen: War man zunächst von der Vorstellung, Klavier zu lernen, begeistert, kann eine erste Erfahrung am Instrument ernüchternd wirken. War man zunächst noch nicht ganz überzeugt, kann eine gute Probestunde die Leidenschaft für ein Instrument endgültig entfachen.
Natürlich hängt die Erfahrung in der Probestunde auch von der Person ab, mit der man diese Probestunde hat. Gibt es Schwierigkeiten auf persönlicher Ebene oder kommt einem die Probestunde übermäßig streng und verkopft vor, ist es ratsam, bei einer anderen Person eine weitere Probestunde zu nehmen.
Folgende Beobachtungen weisen darauf hin, dass Dir das Klavierspiel viel Freude bereiten wird:
- Beim Spielen des Klaviers empfindest Du eher Freude als Stress.
- Du empfindest Neugier, dem Klavier schöne/spannende Klänge zu entlocken.
- Die Zeit am Klavier vergeht für Dich wie im Fluge.
- Du hast den Impuls, Dich kreativ auf dem Klavier auszuleben.
- Die Klänge, die Du während der Probestunde auf dem Klavier spielst, sorgen bei Dir für Glücksgefühle.
Das sind nur einige Punkte. Sie alle verbindet, dass bei einer Probestunde nicht unbedingt riesige Fortschritte erreicht werden müssen. Es geht vielmehr darum, welche Gefühle das Klavier und das Klavierspiel bei Dir auslösen. Im Erwachsenenalter ist unsere Leidenschaft unser größter Motor – wir haben keine Eltern, die uns dazu antreiben, bis zur nächsten Klavierstunde noch etwas mehr zu üben. Aus diesem Grund sollte das Klavier bei Dir positive Gefühle verursachen: Bekommst Du ‚vom Klavier nichts zurück‘ wird es schwer, die Motivation über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten.
Eine Probestunde vor dem Instrumentenkauf oder einer Verpflichtung bei einer Lehrkraft kann Dir Klarheit geben, bevor Du finanzielle Mittel in dein Vorhaben investierst.
Ist es für Dich ein Hindernis, eine Probestunde bei einem Klavierlehrer zu vereinbaren? Kein Problem: Frage Freunde oder Bekannte in deinem Umfeld, die Klavier spielen und lasse Dir ganz formlos etwas von Ihnen auf dem Instrument beibringen. Auch in diesem Rahmen kannst Du deine emotionale Reaktion auf den Fortschritt oder die Klänge beobachten und zu einem Ergebnis kommen.
3. Entscheide Dich für eine Unterrichtsform
Nun, da Du Dir Klarheit darüber verschafft hast, ob das Klavier wirklich das richtige Instrument ist, solltest Du Dir ein paar Gedanken dazu machen, in welcher Form Du Klavier lernen möchtest. Die Entscheidung hängt vor allem von zwei Faktoren ab:
- Wie viel Zeit kann ich in meinem Alltag für Klavierunterricht erübrigen?
- Wie viel Geld kann ich in Klavierunterricht investieren?
Bei der Zeitfrage geht es darum, ob mir mein Alltag eine regelmäßige und strukturierte Beschäftigung mit dem Klavier ermöglicht oder ob ich eher phasenweise am Klavierspiel arbeiten kann. Ist ersteres der Fall, bietet sich der klassische Klavierunterricht bei einer Lehrkraft an. Klavierapps und das Selbststudium mit Lehrwerken bietet demgegenüber zeitliche Flexibilität.
Hinzu kommt die Kostenfrage: Wie viel Geld kann und möchte ich in Klavierunterricht investieren? Klavierunterricht bei einer Lehrkraft ist von den gängigen Unterrichtsformen die teuerste, während Klavierapps und Klavierlernen im Selbststudium deutlich günstiger sein können. In einem ausführlicheren Artikel habe ich die drei Unterrichtformen miteinander verglichen, zum Artikel geht es hier.
In diesem Rahmen stelle ich kurz die wichtigsten Charakteristika der jeweiligen Unterrichtform vor.
a. Klavierunterricht mit einem Lehrer
Die Kosten bei wöchentlichem Unterricht belaufen sich auf 80-150€ pro Monat. Dafür erhält man individuellen Unterricht bei einer ausgebildeten Lehrkraft. Der Unterricht wird dementsprechend auf Dich persönlich abgestimmt und ist flexibel. In gutem klassischem Klavierunterricht erhältst Du eine ganzheitliche musikalische Bildung und wirst auf unterschiedlichste Arten an das Klavierspiel herangeführt – zum Beispiel Stücke unterschiedlicher Epochen, Improvisation, Technikübungen, Aufbau eines Übemethoden-Repertoires etc. Klavierlehrer veranstalten häufig 1-2 Klassenvorspiele pro Jahr, in denen Du deinen Fortschritt öffentlich präsentieren kannst. So nervenaufreibend diese Vorspiele sein mögen, sind sie als ein Ziel ein großer Motivator und sind ein gutes Auftrittstraining.
Wie findest Du einen Klavierlehrer oder eine Lehrerin?
Recherchiere (Jugend-)Musikschulen in deiner Umgebung und erkundige Dich dort nach Lehrkräften. Wenn die jeweilige Musikschule keine Kapazitäten oder Empfehlungen hat, gibt es dort häufig Aushänge für Unterrichtsangebote. Viele Lehrer*innen haben mittlerweile eine eigene Website, sodass Du auch in der Google-Suche fündig werden kannst. Zudem gibt es Portale wie Superprof.de, auf denen Lehrkräfte ihre Dienste anbieten. Eine weitere Möglichkeit ist, Kontakt zu Musikhochschulen aufzunehmen. Auch dort gibt es meistens Aushänge und Studierende möchten sich häufig zu ihrem Studium etwas dazuverdienen.
Noch ein Tipp für Klavierunterricht: Es ist zwar verlockend, sich jemanden zu suchen, der für den Klavierunterricht zu einem nach Hause komm, aber für den Unterricht zu einem Lehrer oder einer Lehrerin zu fahren, hat einige Vorteile:
- Der Unterricht bekommt einen ‚offizielleren‘ Charakter, wenn er nicht zwischen deinen Bücherstapeln und in deinem Wohnzimmer stattfindet. Ein Unterrichtsraum verströmt hingegen eine besondere, produktive und kreative Atmosphäre.
- Der Weg zum Klavierunterricht hat auch eine symbolische Bedeutung, die nicht zu unterschätzen ist: Du möchtest etwas von der Lehrkraft lernen. Du gehst ein finanzielles und zeitliches Investment ein und bist deshalb aufmerksam und offen in der Zeit, die im Klavierunterricht zur Verfügung steht. Dadurch, dass der Klavierunterricht zeitlich durch den Weg eingerahmt ist, bekommt er etwas Besonderes, dem Alltag enthobenes. Klavierunterricht, der zwischen Kochen und anderen Verabredungen ‚noch eben‘ zu Hause stattfindet, bekommt schnell etwas Beiläufiges.
- Es gibt Lehrende, die sich auf eine flexible Terminvereinbarung einlassen. Versuche aber, einen regelmäßigen, wöchentlichen Unterrichttermin zu vereinbaren. Regelmäßigkeit und Konstanz sind der Schlüssel zum Erfolg auf dem Klavier. Wenn ein wöchentlicher Termin erstmal etabliert ist, erhältst Du quasi automatisch ca. 40 Unterrichtsstunden pro Jahr.
b. App
Klavierapps sind mit ca. 120-160€ pro Jahr deutlich günstiger. In Ihnen sind große Notenbibliotheken enthalten, die Stücke unterschiedlichster Genres meistens auf unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen anbieten. Darüber hinaus verfügen viele der Klavierapps über Kurse, die gerade zu Beginn wertvolle Grundkenntnisse über Spieltechnik und Musiktheorie vermitteln können. Die Apps verfügen außerdem über einen Übemodus, in dem man Abschnitte loopen, das Tempo verringern oder Hände einzeln durchspielen kann. Die Apps funktionieren mit Mikrofonen und geben Dir direktes Feedback, wenn eine Note nicht stimmen sollte. Mit Klavierapps bist Du zeitlich sehr flexibel, der Input über Apps vernachlässigt aber einige Aspekte von Musik und Musikalität.
Welche Klavierlern-Apps sind aktuell auf dem Markt?
Die größten Anbieter auf dem Markt sind momentan flowkey, skoove und simply piano. Diese konzentrieren sich auf das Klavier. Yousician und music2me bieten mehrere Instrumente an, darunter eben auch das Klavier. Bei den Apps hast du meistens die Gelegenheit, eine Probeversion kostenlos zu testen. Für eine Preisübersicht über die Apps, gehe zu meinem Artikel.
c. Selbststudium (Buch)
Bücher zum Selbststudium sind die kostengünstigste Alternative, da diese Bücher preislich zwischen 15 und 30€ liegen und häufig Stoff für ein ganzes Jahr bieten. Auch diese Form der Klavierlernens ist zeitlich sehr flexibel, ist jedoch weniger interaktiv als das Lernen mit der App. In Büchern wird der Spieltechnik und der Notationslehre häufig mehr Raum gegeben als in Apps, sodass man sich in den Lehrwerken häufig sehr schön über Grundlagen belesen kann. Lehrwerke für das Selbststudium sind außerdem ganzheitlich strukturiert: Man arbeitet das Buch Stück für Stück durch und erhält so einen sinnvoll aufgebauten Lehrgang, der die Anforderungen und Themen nach und nach erweitert.
Welches Lehrwerk ist für das Selbststudium zu empfehlen?
Ein Lehrwerk, anhand dessen ich auch schon unterrichtet habe, ist das Buch „Klavier spielen – mein schönstes Hobby“ von Hans-Günter Heumann. Für 25,50€ erhält man hier eine ausgewogene und stilistisch vielfältige Klavierschule, die ebenfalls wichtige Informationen für den Anfang liefert.
Klavier spielen - mein schönstes Hobby
Klavierspielen – mein schönstes Hobby wendet sich an Jugendliche und Erwachsene, die sich in ihrer Freizeit mit Musik beschäftigen wollen und eine leicht verständliche, pädagogisch durchdachte Klavierschule suchen. Dieses umfangreiche Buch ist für Anfänger gedacht. Darin findet man eine Menge Informationen, von historischen Elementen über Musiktheorie bis hin zu hilfreichen Haltungstipps. Dazu gibt es eine Audio-Aufnahme als Lernhilfe. Klavieranfänger können sich auf bekannte Stücke aus dem Opern-Genre, Pop und Klassik freuen!
Schaue gerne in meinem ausführlichen Artikel zu diesem Thema vorbei und treffe eine Entscheidung. Natürlich kannst Du deine Meinung auch nachträglich ändern, besonders leicht ist dies, wenn Du mit Lehrwerken im Selbststudium beginnst. Beachte aber, dass Du bei Apps eventuell einen Jahresbeitrag bezahlst und diesen nicht zurückbekommst. Auch bei Klavierlehrern gibt es häufig eine Kündigungsfrist.
4. Kaufe ein Instrument
Sich ein Klavier zu kaufen, ist ein großes Investment: die günstigsten Modelle starten bei knapp 4000€, nach oben gibt es keine Grenze. Aus diesem Grund ist der Kauf eines Instruments in diesem Guide auch relativ weit nach hinten gerückt: Wenn man sich ein Instrument zulegt, sollte man sich sehr sicher sein, dass man es mit dem Klavierspiel ernst meint.
Neben einem analogen Klavier gibt es noch eine kostengünstigere Alternative: Das E-Piano. Ein E-Piano ist natürlich nicht dasselbe wie ein Klavier, doch niedrige Anschaffungs- und Instandhaltungskosten sowie die flexible Lautstärkeregelung können entscheidende Vorteile sein.
Im Folgenden Stelle ich die gängigsten Instrumententypen und ihre Vor- bzw. Nachteile vor:
Analoges Klavier

Ein analoges Klavier ist gewissermaßen das Original. Der Klang entsteht durch eine komplexe Mechanik, der Saiten im inneren des Gehäuses zum Schwingen bringt. Das Klavier hat einen satten und warmen Klang (kann natürlich von der Qualität des Klavieres abhängen) und ist ein großes und ansehnliches ‚Möbelstück‘, das meistens an einer Wand positioniert wird. Aufgrund seiner Beschaffenheit aus Holz ist es fast wie ein lebendiger Organismus zu betrachten.
Neuwertige Klaviere kosten bei der Anschaffung in der Regel ab ca. 4000€ aufwärts, bei einem Gewicht von über 200kg kommen häufig noch Kosten für den Transport hinzu. Weitere Kosten entstehen durch die Instandhaltung des Klaviers. Mit der Zeit verstimmen sich die Saiten – je nach Gebrauch kann eine jährliche Stimmung erforderlich sein, deren Kosten sich häufig im niedrig dreistelligen Bereich abspielen. In etwas größerem zeitlichem Abstand sollte das Instrument intoniert werden: Dabei werden u.a. die Hämmerfilze, welche zur Tonerzeugung auf die jeweiligen Saiten schlagen und sich mit der Zeit abnutzen, bearbeitet oder erneuert. Eine Intonation ist in der Regel teurer als das Stimmen, auch hier fallen niedrig dreistellige Beträge an.
Zu beachten ist auch der Standort des Klaviers. Ein kühler oder gar feuchter Hobbyraum kann dem Instrument erheblichen Schaden zufügen. Zudem kann ein Klavier in einem Mehrfamilienhaus zur Belastungsprobe für die Nachbarschaft werden. Zwar hat man gesetzlich das Recht zum Musizieren, aber die Klangübertragung über Wände und Boden sorgen für einen erheblichen Schallpegel in angrenzenden Wohnungen. Und wer kann schon unbeschwert weiterüben, wenn von unten mit dem Besen geklopft wird?
Es gibt seit einigen Jahren sogenannte Silent-Pianos. Dies sind Kombinationen aus analogen und elektronischen Klavieren. Man kann die analoge Spielmechanik ausschalten und sich stattdessen den Sound elektronisch über Kopfhörer ausgeben lassen. Diese Technologie erhöht den Preis jedoch erheblich: Das günstigste Silent-Piano von Yamaha kostet gegenwärtig ca. 6200€.
Klaviere gibt es in Klavierhäusern zu kaufen. Zwar bieten auch Online-Handel wie thomann.de Klaviere zum Verkauf an, doch würde ich das jeweilige Modell in jedem Fall Probe spielen. Da Klaviere aus Holz bestehen und daher ein Naturprodukt sind, kann es sogar zwischen den Exemplaren eines Modells Unterschiede geben, weshalb ich bei einem analogen Klavier immer nur das Instrument kaufen würde, das ich selbst unter den Fingern hatte.
Doch wie finde ich als Anfänger das richtige Instrument?
Auch wenn Du noch keine Erfahrungen auf dem Klavier gesammelt hast, kannst Du dennoch auf deine Intuition vertrauen. Drücke ein paar Tasten, achte auf das Gefühl des Anschlags, höre auf den Klang. Tue dies bei unterschiedlichen Instrumenten und Du wirst eine Meinung haben, welches Dir besser gefällt und welches nicht. Eine zweite Meinung ist bei einer solch großen Investition ratsam: Hast Du Bekannte oder Freunde, die seit längerem Klavier spielen? Nimm sie gerne mit und befrage Sie zu ihren Eindrücken.
Falls Du bereits Kontakt zu einer Klavierlehrkraft aufgenommen und eine Probestunde absolviert hast, kannst Du auch den Klavierlehrer in den Kauf miteinbeziehen. Diese helfen häufig gerne und eine kleine Aufwandsentschädigung, die Du an die Lehrkraft zahlst, kann Dir bei der Kaufentscheidung sehr helfen.
Nun soll es um die Alternativen zu einem analogen Klavier gehen.
E-Piano

Das E-Piano ist eine kostengünstigere Alternative zum analogen Klavier. Bei einem E-Piano ist die Klangerzeugung elektrisch, es schwingen also keine echten Saiten im Korpus, sondern jeder Tastendruck löst eine bzw. mehrere Aufnahmen aus, die eine nahezu perfekte Illusion kreieren. Im Gehäuse verbaute Lautsprecher geben dann den Sound an die Umwelt ab.
Ich habe bereits einen sehr umfangreichen Artikel über den Kauf von E-Pianos verfasst, Du findest ihn hier.
E-Pianos sind ab ca. 800€ erhältlich – Modelle, die ein einigermaßen authentisches Spielgefühl vermitteln, starten im unteren vierstelligen Bereich. Priorität sollte der authentische Tastenanschlag, der das Gefühl einer echten Tastenmechanik erweckt, und eine hohe Soundqualität sein. Vorteile des E-Piano ist das Fehlen der Instandhaltungskosten und die Flexibilität der Lautstärke. Mit Kopfhörern kann man quasi rund um die Uhr üben. Zu beachten ist, dass auch E-Pianos bei Nachbarn für Ärgernisse sorgen können: Selbst, wenn man mit Kopfhörern übt, können sich die Tastenanschläge über den Boden in die Nachbarwohnung übertragen und als ‚Rumpeln‘ wahrgenommen werden.
Auch für den Kauf eines E-Pianos ist es empfehlenswert, mehrere Instrument auszuprobieren und ähnlich wie bei analogen Klavieren auf das Spielgefühl und den Klang zu achten.
Keyboard

Keyboards sind die günstigsten Instrumente in diesem Vergleich: Während die günstigsten Modelle bei ca. 100€ beginnen, liegen die teuersten Modelle bei 1500 – 2500€. Doch der niedrige Preis bringt auch Nachteile mit sich: Fast alle Keyboards haben weniger Tasten als E-Pianos oder Klaviere. Während letztere über 88 Tasten verfügen, haben viele Keyboards nur 61 Tasten. Für das Anfängerrepertoire ist dies vielleicht noch nicht entscheidend, doch stehen einem mit dem Bassregister und der obersten Oktave zwei sehr spannende Klangregister somit nicht zur Verfügung. Ein weiterer Nachteil ist der Tastenanschlag: Keyboards verfügen meist nicht über gewichtete Tasten und unterscheiden sich somit stark vom Tastenanschlag auf einem Klavier oder einem E-Piano.
Keyboards sind demnach nur dann sinnvoll, wenn man (noch) nicht die finanziellen Mittel für einen der anderen Instrumententypen hat oder musikalisch ohnehin auf dem Keyboard aktiv sein möchte (z.B. in einer Band).
5. Etabliere eine Überoutine
Nachdem Du eine Probestunde absolviert hast, Dich für eine Unterrichtsform entschieden hast und Dir ein Instrument gekauft hast, beginnt nun der ‚dein Leben mit dem Klavier‘. Wie ich meinem Artikel zum Thema „Klavierspiel und Alter“ bereits erläutert habe, ist einer der großen Vorteile als erwachsene Person, dass wir kognitiv dazu in der Lage sind, uns effektiv selbst zu organisieren und auch weit entfernte Ziele systematisch anzugehen. Gerade diese Fähigkeiten können Dir nun dabei helfen, eine Überoutine zu etablieren. Genauer gesagt gibt es zwei Überoutinen, man könnte sie als eine äußere (quantitativ) und eine innere Überoutine (qualitativ) bezeichnen:
- Die äußere Überoutine bestimmt, wann, wie häufig und wie lange du Klavier spielst und übst.
- Die innere Überoutine bestimmt, wie und mit welchen Mitteln Du Klavier übst.
Beide Routinen sind wichtig und greifen ineinander: Übst Du häufig und lange, aber qualitativ unzureichend, wirst Du kaum Fortschritte machen – ebenso, wenn Du zwar qualitativ hochwertig übst, dies aber nur einmal im Monat tust. Als Voraussetzung dafür, dass Du gut üben kannst, musst du aber überhaupt erst mal üben, weshalb wir uns die äußere Überoutine zuerst anschauen.
Die äußere Überoutine (quantitativ)
Zu Beginn dieses Artikels habe ich bereits geschrieben, dass 3×30 Minuten pro Woche an effektiver Übezeit pro Woche bereits große Fortschritte bewirken können. Eine Übeeinheit sollte zwischen 10 und 45 Minuten lang sein: Kürzere Übeeinheiten geben Dir kaum die Möglichkeit, systematisch und mit Ruhe zu üben, während Übeeinheiten von mehr als 45 Minuten Dauer deine Konzentrationsspanne überschreiten können. Es ist auch möglich die 90 Minuten als Richtwert für ein wöchentliches Tempo in mehrere Übeeinheiten zu unterteilen, z.B. 5 Tage die Woche für knapp 20 Minuten. Mit diesem Wissen lohnt es sich, den eigenen Wochenplan nach Zeitfenstern abzusuchen. An welchen Tagen und um welche Uhrzeit ist es mir möglich, Zeit am Klavier zu verbringen? Kann ich Dinge umlegen, sodass freie Zeit zum Klavierüben entsteht? Versuche, verbindliche Zeitfenster festzuhalten, in denen Du dich dem Klavier widmest – andernfalls entsteht die Gefahr, dass eine Woche vergeht, ohne ‚dass Du es einmal ans Klavier geschafft hast.‘
Es gibt auch ein paar Tricks, mit denen Du die Schwelle, Dich auf die Klavierbank zu setzen, verringern kannst. Zum Beispiel solltest Du die Noten, an denen Du gerade arbeitest, offen auf dem Klavier aufstellen, sodass Du deine Aufgabe immer im Blick hast und Du jederzeit sofort mit dem Üben loslegen kannst. Mit der äußeren Überoutine ist es aber wie mit jeder anderen Gewohnheit auch: Sie zu etablieren, ist schwierig, ebenso wie beim Fitnessstudio, Joggen, täglichem Aufräumen oder ähnlichem.
Ein zusätzlicher Motivator für die äußere Überoutine kann auch die Gestaltung der inneren Überoutine sein. Denn nur wenn ich Spaß am Klavier habe, werde ich mich auch häufiger an das Instrument setzen.
Die innere Überoutine (qualitätiv)
Nun, da Du es geschafft hast, Dich auf die Klavierbank zu setzen, ist die Frage, wie Du die reservierte Zeit sinn- und genussvoll nutzt. Der wichtigste Leitsatz beim Üben ist: Üben ist eine stressfreie Aktivität. Leicht verfällt man dem Glauben, das Üben etwas Defizitorientiertes sei, dem man Fehler ausmerzt und versucht, ein Stück so schnell wie möglich zu können.
Üben ist eigentlich das genaue Gegenteil davon. Üben bedeutet, ein Stück genau zu betrachten und in eine Reihe bewältigbarer Aufgaben zu zerlegen. Mithilfe der Selbstbeobachtung und Kreativität findet man Übemethoden, welche die Fähigkeiten auf dem Klavier mit Freude verbessern. Der Aufbau eines Übemethoden-Repertoires, die Verbesserung der analytischen Fähigkeiten und der Fähigkeit zur Selbstbeobachtung sind lebenslange Aufgaben auf dem Klavier. Ein paar grundlegende Übemethoden möchte ich Dir an dieser Stelle auf den Weg geben:
- Jede Übetätigkeit besteht aus drei Phasen: 1) Das Planen des Übedurchgangs, 2) die Durchführung desselbigen und 3) die Evaluation des Übedurchgangs. Das bedeutet unweigerlich, dass zwischen jedem Übedurchgang eine kleine Pause ist.
- Übe einzelne Stellen, nicht ganze Stücke: Konzentriere Dich auf einen kurzen Abschnitt, von beispielsweise einem Takt, und in diesem Takt nur auf eine Hand. Sammle Wiederholungen und damit Erfahrungen für diese Stelle. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl von Sicherheit.
- Du kannst jede Stelle bereits spielen – die Frage ist nur, in welchem Tempo. Schraube das Tempo deshalb so weit runter, dass Du eine Passage ohne Stress üben kannst. Steigere das Tempo erst, wenn Du mehrere Male in einem Tempo mit Sicherheit korrekt gespielt hast.
- Nutze Methodenvielfalt: Betrachte eine Stelle aus mehreren Perspektiven, indem Du mehrere Übemethoden auf sie anwendest. So erhältst Du noch mehr Sicherheit und du sammelst Erfahrungen, wann welche Übemethode gut funktioniert.
- Die effektivste Übemethode : Das punktierte Üben. Diese Übemethode ist ein wahrer Allrounder und hilft in vielen Situation in kürzester Zeit weiter.
6. Musiziere gemeinsam mit anderen Menschen
Während du im klassischen Klavierunterricht mit einer Lehrkraft früher oder später mit anderen Menschen gemeinsam musizieren wirst, ist das Klavier im Selbststudium zunächst eine recht einsame Angelegenheit. Ein großer Schatz in der Musik ist dabei gerade das verbindende Element des gemeinsamen Musizierens. Aus diesem Grund empfehle ich Dir, regelmäßig mit anderen Menschen Musik zu machen. Die Form und Besetzung sind dabei völlig egal. Spielt jemand in deinem Familien- oder Bekanntenkreis ein Instrument? Hast du mit zeitgleich mit einer anderen erwachsenen Person ein Instrument begonnen? Erarbeitet euch ein Stück gemeinsam oder probiert euch in einer gemeinsamen Improvisation aus. Gerade auch das Begleiten von Gesang auf dem Klavier hat eine lange Tradition. Falls ein Familienmitglied in der Freizeit häufig ein Lied vor sich hinsummt, kannst Du heutzutage im Internet garantiert eine passende Begleitung dazufinden.
Beim gemeinsamen Musizieren lernt man eine Reihe von Fähigkeiten, die man beim Spiel für sich nicht automatisch vermittelt bekommt:
- Du lernst, nicht nur auf Dich zu hören, sondern während des eigenen Spielens auch auf eine andere Person zu hören.
- Du lernst das Agieren und Reagieren in der Musik.
- Man entwickelt eine gemeinsame musikalische Interpretation und bildet Kompromisse in der Ausführung von Musikstücken.
- Du teilst mit einer anderen Person die Freude an Musik.
7. Organisiere Auftrittsgelegenheiten
Was als Kind gilt, gilt ebenso für Erwachsene: Auftritte und Konzerte sind große Motivatoren und treiben Dich zu Höchstleistungen an. Die größten Fortschritte auf einem Instrument werden häufig im Vorfeld von Vorspielen gemacht. Dort hat man den Anspruch, dass alles perfekt ist und man investiert häufig extraviel Zeit und Aufmerksamkeit.
Aus diesem Grund solltest Du Dich gerade dann, wenn Du Klavier im Selbststudium erlernst, um Auftrittsmöglichkeiten kümmern. Hier sind einige Anlässe, die sicher sehr gut dazu eigenen:
- Verschenke auf einer Familienfeier wie z.B. einer Hochzeit oder einem Geburtstag einen musikalischen Beitrag.
- Spiele deiner Familie zu Feiertagen (wie z.B. Weihnachten) etwas auf dem Klavier vor.
- Nutze auch deine eigene Geburtstagsfeier, um als Gastgeber den Gästen etwas Musikalisches darzubieten.
- Veranstalte ein kleines Hauskonzert für Freunde und Familie.
- Spiele auf einem öffentlich aufgestellten Klavier in deiner Stadt zu einem festgesetzten Termin.
Fazit
Der hier skizzierte Weg ist selbstverständlich nur eine unter vielen Möglichkeiten. Ich hoffe, dass diese Anleitung einen guten Überblick über die Schritte gibt, die ein erwachsener Mensch abhaken muss, wenn er sich entschieden hat, Klavier spielen zu lernen.



