Du möchtest lernen, frei und ohne Noten Klavier zu spielen? Du möchtest lernen, zu improvisieren und Dich auf dem Klavier kreativ auszudrücken? Auf dem Klavier haben wir die einzigartige Möglichkeit, Akkorde, Melodien und rhythmische Elemente gleichzeitig zu spielen. Die Fülle der Möglichkeiten kann da schnell überwältigend wirken. Aus diesem Grund habe ich versucht, das freie Spiel auf dem Klavier in drei Stufen einzuteilen. In diesem Artikel erfährst Du, wie diese drei Stufen aufgebaut sind und wie Du mit ihnen das freie Spiel ohne Noten erlernen kannst.
Für das Konzept, das ich in diesem Artikel vorstelle, solltest Du bereits Akkorde und ihre Umkehrungen kennen. In Kürze werde ich zu diesem Thema ebenfalls einen Artikel verfassen.
Um erfolgreich improvisieren zu lernen, müssen wir uns zunächst die Grunddimensionen von Musik (Melodie, Harmonie & Rhythmus) anschauen, damit wir diese ganz bewusst im freien Spiel einsetzen können. Danach schauen wir uns an, welche musikalischen Funktionen (Melodie, Bass & Harmonie) wir auf dem Klavier abbilden können, um anschließend anhand dieser Funktionen drei Stufen des freien Spiels zu erarbeiten.
Die drei Dimensionen von Musik: Melodie, Harmonie, Rhythmus
Musik besteht in der Regel aus den drei Elementen Melodie, Harmonie und Rhythmus. Das bedeutet, dass wir diese drei Dimensionen verinnerlicht haben sollten, wenn wir uns am freien Spiel probieren. Aus diesem Grund stelle ich diese drei Grunddimensionen kurz vor, damit Du sie bei deinen Improvisationsversuchen berücksichtigen kannst.
Rhythmus
Rhythmus bildet die zeitliche Ebene von Musik und ist verantwortlich für die zeitliche Abfolge von Ereignissen in der Musik. Da Musik im Gegensatz zu Bildender Kunst an die Zeit gebunden ist, ist Rhythmus die grundlegende Dimension der Musik. Rhythmus ist dabei ein sehr weiter Begriff und sollte nicht mit Phänomenen wie Groove oder Pattern verwechselt werden: Auch eine Katze, die scheinbar unrhythmisch über das Klavier läuft, kann für einen rhythmischen Verlauf musikalischer Ereignisse sorgen.
Melodie
Die melodische Dimension von Musik betrachtet die horizontale Ebene der Musik und verbindet den Tonhöhenverlauf einer einzelnen Stimme mit einem rhythmischen Ablauf.
Harmonie
Harmonie bezeichnet sowohl vertikale, also gleichzeitige Zusammenklänge mehrerer Noten (z.B. Akkorde), als auch die Abfolge dieser Zusammenklänge (z.B. Akkordfolgen). In der Klassik, Jazz- oder Popmusik sind in der Regel drei Töne erforderlich, um eine Harmonie zweifelsfrei identifizieren zu können. Je nach Kontext reichen auch zwei Töne aus, da wir mit unseren Ohren in der Lage sind, Zusammenhänge herzustellen und fehlende Töne gewissermaßen mitzudenken.
Drei Funktionen beim Improvisieren auf dem Klavier: Melodie, Harmonie, Bass
Beim Improvisieren auf dem Klavier entstehen im Gegensatz zum Improvisieren auf einem Schlagzeug konstant Tonhöhen. Um sich dem Improvisieren strukturiert nähern zu können und den Klang bewusst gestalten zu können, ergibt es Sinn, eine Unterscheidung von drei Funktionen vorzunehmen:
- Melodie: Wenn wir improvisieren, können melodische Elemente die Aufmerksamkeit auf eine Stimme lenken. Häufig wird diese Melodie in der Oberstimme liegen, weil wir sie auf Basis unserer Gewohnheit dort ‚erwarten‘.
- Bass: Der Melodiestimme gegenüber steht das harmonische Fundament des Basses. Die Bassstimme hat die Kraft, alles darüber Klingende einzufärben oder umzudeuten. Auch der Bass kann melodische Elemente aufweisen.
- Harmonie: Die Harmonie bettet die Melodie und den Bass in einen harmonischen Kontext ein.
All diese Funktionen sind wie immer in der Musik an die Zeit gebunden und haben deshalb unweigerlich einen Rhythmus. Es müssen nicht immer alle Funktionen gleichzeitig abgedeckt sein – für einen vollen Klang in der Improvisation ist es aber sinnvoll, alle drei Funktionen zu berücksichtigen.
Die Herausforderung ist nun offensichtlich: Wir haben drei Funktionen, aber nur zwei Hände. Während die linke Hand also höchstwahrscheinlich die Bassfunktion übernehmen wird und die rechte Hand sich der Melodie widmen wird, muss die Harmoniefunktion entweder einer der beiden Hände zugewiesen werden – jene Hand übernimmt dann zwei Funktionen gleichzeitig – oder die Harmoniefunktion muss zwischen beiden Händen aufgeteilt werden.
Die Verteilung der drei Funktionen auf zwei Hände erfordert Übung. Aus diesem Grund habe ich mir drei Stufen überlegt, wie Du Dich Schritt für Schritt an das freie Spiel herantasten kannst.
Drei Stufen des freien Spiels:
Anhand der drei Funktionen Melodie, Harmonie und Bass möchte ich Dir einen Weg zeigen, wie Du dein freies Spiel systematisch verbessern kannst. Aus diesem Grund ist die erste Stufe die einfachste und die dritte Stufe die komplexteste.
1. Stufe: Links: Harmonie | Rechts: Melodie
Für die erste Stufe nutzen wir vorerst zwei der drei Funktionen. Eine der häufigsten Wünsche beim Improvisieren ist es, schöne Melodien zu erfinden, weshalb wir diese Funktion im ersten Schritt der rechten Hand zuweisen wollen. Damit die Melodie einen schönen harmonischen Kontext erhält, übernimmt die linke Hand die Harmoniefunktion.
Um diese Art zu veranschaulichen, ist hier ein kurzer Ausschnitt aus Dvoraks berühmter 9. Sinfonie. In der rechten Hand wird die Melodie gespielt, während die linke Hand Akkorde dazusetzt.

Rufen wir uns an dieser Stelle den Rhythmus als Grunddimension von Musik in Erinnerung. Im obigen Beispiel ist der Rhythmus sehr ruhig, da die linke Hand nur lange Notenwerte aufweist. Spielen wir die Akkordtöne in einem gleichbleibenden Muster nacheinander (eine sogenannte „Figuration“) erhalten wir einen etwas fließenderen Rhythmus.

Für eine Improvisation kann man sich nun eine Akkordfolge überlegen, über der man eine Melodie improvisieren möchte. Eine der häufigsten Akkordfolgen der Popmusik sieht so aus:

Auch hier kann man die lang gehaltenen Akkorde in der linken Hand mit einer Figuration aufbrechen und somit für einen fließenden Rhythmus sorgen.

Die rechte Hand kann auf dieser Stufe kaum etwas zur rhythmischen Gestaltung beitragen, es sei denn, die Melodie selbst verändert ihre rhythmische Gestalt.
2. Stufe: Links: Bass | Rechts: Harmonie
Auf der zweiten Stufe verzichten wir kurzzeitig auf die Melodie und konzentrieren uns auf die Bass- und Harmoniefunktion. Diese Stufe ist besonders nützlich, wenn Du improvisatorisch ein Instrument oder Gesang begleiten möchtest. Die Melodiefunktion wird hier von einem anderen Instrument übernommen, weshalb Du Dich ganz auf das Erschaffen einer Atmosphäre mit Bass und Harmonie fokussieren kannst.
Ich übernehme für diese Stufe die Akkordfolge aus Stufe 1. Die rechte Hand übernimmt die Harmoniefunktion und spielt Akkorde. Die linke Hand konzentriert sich auf ein stabiles Bassfundament.

Zwar hast Du auf dieser Stufe keine Melodie, dafür ist der Klang deutlich voller als in Stufe 1. Außerdem erhältst Du größere Flexibilität, was die rhythmische Gestaltung angeht.
Hier z.B. habe ich die Akkorde der rechten Hand wieder figuriert. Der Bass bleibt bei zunächst bei lang gehaltenen Noten.

Auch der Bass kann den Rhythmus beleben und sogar kleine melodische Elemente einbauen.

Was die Figuration und rhythmische Gestaltung angeht, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt:
- Probiere unterschiedliche Lagen auf dem Klavier aus.
- Akkordbrechungen sorgen für einen fließenderen Eindruck, während gleichzeitig angeschlagene Noten für größeres Gewicht sorgen.
- Wie viel melodische Elemente verträgt der Bass, bevor die Harmonik unklar wird? Teste die Grenzen aus.
3. Stufe: Links: Bass + Harmonie | Rechts: Harmonie + Melodie
Mit der dritten Stufe wird eine dritte Funktion in das freie Spiel integriert. Für diese Stufe empfehle ich folgende Vorgehensweise:
- Eine Hand bleibt bei einer Funktion, während die andere Hand zwei Funktionen übernimmt.
- Die Harmoniefunktion wird von beiden Händen gleichzeitig übernommen.
Für die Realisierung dieser Stufe gibt es unzählige Möglichkeiten. Ich möchte Dir hier ein paar Anregungen geben, wie Du deine Entdeckungsreise beginnen kannst.
Links: Bass | Rechts: Harmonie + Melodie
Die linke Hand konzentriert sich auf das Bassfundament, in der linken Hand improvisierst Du eine Melodie. Nun versuchst Du hin und wieder, mit freien Fingern der rechten Hand möglichst unterhalb der Melodie Akkordtöne hinzuzufügen. Am schlüssigsten klingt das, wenn Du die Akkorde dann spielst, wenn ein Harmoniewechsel eintreten soll.
Ein Beispiel mit der bereits verwendeten Akkordfolge könnte so aussehen:

Je häufiger Du probierst, die Akkorde in der rechten Hand zu vervollständigen, desto limitierter bist Du in der Melodieführung, da die sonstigen Akkordtöne am besten unterhalb der Melodie erklingen, um sie nicht zu stören.
Links: Bass + Harmonie | Rechts: Melodie
Damit sich die Melodie der rechten Hand freier entfalten kann, kann es hilfreich sein, die Bass- und Harmoniefunktion in der linken Hand zu vereinen, sodass die rechte Hand sich ganz der Melodiefunktion widmen kann.
Diese Art der Aufteilung findet man auch häufig in der Klavierliteratur, so z.B. beim Walzer oder beim Ragtime. Hier ein berühmtes Beispiel von Frédéric Chopin:

Die obig genannten Genres sind mit großen Sprüngen in der linken Hand verbunden, was es recht anspruchsvoll macht, solche Strukturen zu improvisieren. Der Wechsel zwischen tiefem Basston und Akkord in der linken Hand heißt Stride-Technik und wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Jazz-Improvisation auf virtuose Weise verwendet.
Eine einfachere Strategie die Bass- und Harmoniefunktion zu verbinden, ist, im Bass Akkordbrechungen zu verwenden, bei denen der Basston etwas weiter von den Harmonietönen entfernt ist, als dies in Stufe 1 der Fall war. Auf diese Weise kann der tiefste Ton einer solchen Figuration die Bassfunktion übernehmen.
Hier ein Beispiel mit unserer Akkordfolge. Ich habe dieselbe Melodie verwendet wie im Beispiel davor:

Links: Bass + Harmonie | Rechts: Harmonie + Melodie
Auf der letzten Stufe dieses kleinen Lehrgangs zur Improvisation übernehmen nun beide Hände zusätzlich zu ihrer angestammten Funktion einen Teil der Harmoniefunktion.
Hier ein Beispiel aus der klassischen Literatur von Edvard Grieg:

Beide Hände beteiligen sich hier gleichermaßen an den durchgehenden Sechzehnteln, welche die Melodie- und Bassstimme harmonisch auffüllen.
Bei der Improvisation kann man wieder auf eine Akkordfolge zurückgreifen und sich langsam an diese Funktionsverteilung herantasten. Es ist keinesfalls notwendig, gleich mit der Dichte von Griegs Beispiel zu beginnen. Einzelne Noten, die zwischen Bass- oder Melodietönen eingefügt werden, können die Musik bereits stark bereichern. Hier ein Beispiel für unsere Akkordfolge:

In diesem Beispiel habe ich in der rechten Hand wie zu Beginn der 3. Stufe vor allem Akkorde auf die 1. Zählzeit jedes Takts gesetzt. In der linken Hand habe ich vor allem dort, wo die Melodie gerade pausiert, rhythmisch und harmonisch mit einer einfachen Figuration aufgefüllt.
Fazit
Nun bist Du an der Reihe und kannst kreativ werden. Erfinde und nutze eigene Akkordfolgen oder die Harmonien deines Lieblingsstücks. Beginne zunächst mit der Stufe 1 und entwickle mit viel Ruhe eigene melodische Einfälle. Genieße die Harmonien und den vollen Klang, wenn Du zur 2. Stufe fortschreitest. In der dritten Stufe sind die Möglichkeiten schier überwältigend.
Häufig ist bei einer Improvisation weniger mehr: Spiele nur so viele Töne, das Du jede Note bewusst setzen kannst. Fange in einem langsamen Tempo und steigere Dich mit der Zeit.
Ich wünsche Dir viel Freude beim Improvisieren!



