In diesem Artikel soll es um die Relevanz von Notizen beim Klavierüben gehen. Wenn wir Klavier üben, neigen wir dazu, ‚die Finger auf der Klaviatur zu lassen‘ und uns nicht die Zeit zum Anfertigen von Notizen zu nehmen. Anmerkungen im Notentext sind allerdings wichtige Gedächtnisstützen, die den Überprozess sehr viel effektiver und stressfreier gestalten können. Mithilfe von Notizen wird das Üben zu einer erfolgreichen und spaßigen Aktivität.
In letzter Zeit habe ich mich verstärkt mit Produktivitätstheorien auseinandergesetzt. Das hat bei mir zu einigen Erkenntnissen geführt, die ich nun nach 20 Jahren Erfahrung auf dem Klavier erstmals explizit und systematisch formulieren kann.
Produktivitätsgurus wie Tiago Forte oder Peter Allen betonen immer wieder, wie wichtig es ist, die Einfalle, die wir im Alltag haben, aufzuschreiben und auf diese Art für die Zukunft zu bewahren. Denn unser Gehirn ist darauf spezialisiert Ideen zu haben und nicht, sie für immer aufzubewahren: „The mind is for having ideas, not holding them.“
Ebenso ist es auch beim Klavierüben. Wir erarbeiten uns für eine schwierige Stelle einen guten Fingersatz, der bequem auszuführen ist und unsere Interpretation unterstützt. Weil er uns in diesem Moment so logisch vorkommt und so gut in der Hand liegt, schreiben wir den Fingersatz aber nicht auf – lieber gehen wir schnell zur nächsten Stelle weiter.
Sicherlich wirst auch Du die Erfahrung gemacht haben, dass eine Passage, die noch am Vortag ziemlich gut lief, am darauffolgenden Tag irgendwie gar nicht mehr funktionieren wollte. Dies kann zwei Gründe haben:
- Beim Üben legst Du wenig Wert auf fixierte Fingersätze, sondern Du spielst die Passage so, wie die Finger die Tasten zu finden scheinen.
- Du machst Dir beim Üben Gedanken über Fingersätze, notierst sie aber nicht im Notentext.
Natürlich ist es normal, dass wir in der nächsten Übesession erst wieder reinkommen müssen. Nicht immer können wir daher gleich beim ersten Durchgang 100% abrufen. Doch wenn Du das Gefühl hast, dass auch am dritten Übetag eine Stelle nicht so richtig funktionieren will, könnte eine der oben genannten Gründe dafür verantwortlich sein.
The mind is for having ideas, not holding them.
Du legst wenig Wert auf fixierte Fingersätze
Wenn man die Handlung des Klavierspielens auf die einfachste Definition herunterbrechen möchte, dann könnte man sagen: Klavierspielen heißt, die Finger in der richtigen Reihenfolge mit der gewünschten Intensität auf den Tasten zu bewegen. Klavierüben bedeutet demnach: Deinem Gehirn die richtige Reihenfolge und Intensität der Fingerbewegung beibringen.
Wenn wir Klavier üben, möchten wir schnell ein zufriedenstellendes Ergebnis erarbeiten. Das führt häufig dazu, dass wir in eine Art des Blattspiels verfallen. Das heißt, dass man ein Stück vom Beginn her durchspielt und dabei gewissermaßen einen Fingersatz improvisiert. Das kann sehr vorteilhaft sein, wenn man jemanden spontan in einer Probe begleiten muss und das Stück noch nicht kennt. Hat man diesen Zeitdruck allerdings nicht, birgt diese Art des Übens einige Probleme:
1. Die Fingersätze können inneffektiv sein.
Dadurch, dass Du beim Blattspiel den erstbesten Fingersatz nehmen musst, um im Spielfluss zu bleiben, kann es sein, dass der gewählte Fingersatz nicht der beste oder bequemste ist. Wenn Du Dir diesen Fingersatz nun bei mehrmaligem Durchspielen angewöhnst, kann es sein, dass eine Passage viel schwerer ist als sie eigentlich sein müsste, wenn Du einen sinnvolleren Fingersatz nehmen würdest. Erarbeitest Du Dir später einen effektiveren Fingersatz, so muss Dein Gehirn die Passage erst umlernen, was bekanntermaßen viel aufwendiger ist als etwas völlig neues zu erlernen.
2. Die Fingersätze können von Mal zu Mal abweichen:
Wenn Du deine Fingersätze nicht fixierst und sie beim Üben immer improvisierst, dann können sie sehr leicht von Mal zu Mal abweichen. Unser Gehirn braucht aber eine gewisse Routine – es versucht, die Reihenfolge der Fingerbewegungen für eine Passage abzuspeichern. Ist der Fingersatz jedes Mal anders, kann Dein Gehirn keine Routine für eine Stelle aufbauen. Das Ergebnis ist, dass Du Dich wahrscheinlich niemals ganz sicher bei der betreffenden Stelle fühlen wirst. Spätestens im Klavierunterricht, wenn Du die Ergebnisse einer Woche präsentieren willst und das Adrenalin etwas steigt, wird sich dieses latente Unsicherheitsgefühl potenzieren. Das Ergebnis ist nicht selten Frust.
Natürlich gibt es auch Passagen, bei denen die Fingersätze dermaßen offensichtlich sind, dass sie keiner weiteren Reflexion bedürfen (z.B. wenn eine Melodie in einem Fünf-Ton-Raum verbleibt und jeder Finger daher ganz klar einer Taste zugeordnet werden kann.)
Klavierüben bedeutet: Deinem Gehirn die richtige Reihenfolge und Intensität der Fingerbewegung beibringen.
Du notierst deine Fingersätze nicht im Notentext.
Vielleicht machst Du Dir aber beim Üben regelmäßig Gedanken über Fingersätze. Bevor Du Passagen einübst, überlegst Du Dir erstmal einen passenden Fingersatz und versuchst, deinem Gehirn den gewählten Fingersatz durch unterschiedliche Übemethoden beizubringen. Das ist grundsätzlich ein sehr guter und nachhaltiger Ansatz, mit dem ich seit meinen ersten Klavierstunden die besten Erfahrungen gemacht habe.
Leider habe ich aber auch häufig die Erfahrung gemacht, dass ich zu faul war, einen Stift in die Hand zu nehmen und meine Ergebnisse im Notentext zu notieren – schließlich wollte ich doch Klavier spielen und nicht Zahlen aufschreiben. Das Ergebnis war häufig, dass ich nach zwei Tagen Pause vom Klavier den Fingersatz nicht mehr erinnern konnte. Meine Finger hatten zwar noch eine vage Idee von den Abläufen, aber die Details waren in der Zwischenzeit verloren gegangen. Aus diesem Grund musste ich das Üben einstellen und erneut einen passenden Fingersatz für die Passage erarbeiten. Auf halber Strecke kam die Erinnerung meistens wieder, doch bis dahin waren schon wieder 5 Minuten vergangen, die ich auch mit dem Üben eines notierten Fingersatzes hätte verbringen können. Nicht selten habe ich dieselbe Passage 2-3 bearbeiten müssen, jedes Mal hatte ich ein paar Details des Fingersatzes vergessen.
Ich habe kürzlich das Buch „Building a Second Brain“ von Tiago Forte gelesen. In diesem Buch geht es darum, dass man durch Notieren von Einfällen und Gedanken, Erfahrungen und Anregungen sein Gehirn entlasten kann und einen Ort schaffen kann, an dem das eigene Wissen strukturiert wird und verfügbar ist. Ich musste häufig an das Klavierüben denken. Notierst Du deine Fingersätze im Notentext, musst Du Dich nicht ständig an alle deine Entscheidungen erinnern, Du hast sie im Notentext fixiert und dauerhaft verfügbar gemacht – was für eine Entlastung für dein Gehirn!
Das Notieren von Fingersätzen hat für mich außerdem ein paar weitere großartige Vorteile:
1. Dein Üben wird zielgerichteter.
Ich komme noch einmal zu meiner Definition vom Klavierüben zurück: „Üben bedeutet, deinem Gehirn die richtige Reihenfolge und Intensität der Fingerbewegung beizubringen.“ Wie aber sollst Du die Fingerbewegung zum Objekt des Übens machen, wenn Du gar nicht genau weißt, welche Fingerbewegungen das Stück überhaupt erfordert?
Notierst Du deine Fingersätze im Notentext, schaffst Du Dir eine Grundlage für das Einüben eines Klavierstücks. Anstatt darauf zu hoffen, dass das nächste Durchspielen des Stückes wie durch Zauberhand eine Verbesserung herbeiführt, kannst Du Dich auf eine Passage konzentrieren. Du weißt bei der betreffenden Passage sofort, mit welchem Finger Du sie beginnst und musst nicht erst mühsam vom Anfang des Stückes her errechnen, welcher Finger auf welchem Ton liegen muss.
2. Du kannst Schwierigkeiten leichter identifizieren.
Auch das wird so manchem von uns schon passiert sein. Ein Lauf oder eine schnellere Passage will trotz längerem Üben nicht so richtig funktionieren. Nun stellt sich natürlich die Frage, woran das liegen könnte. Oft liegt es an einer bestimmten Fingerkombination, die den Fluss stört, bekanntermaßen sind die äußeren Finger nicht ganz so mobil, weil sie anatomisch stärker aneinandergekoppelt sind. Beispielsweise kann eine Kombination wie „3,5,4,5“ eine echte Herausforderung sein. Notiert man sich Fingersätze im Notentext so können solche Pattern schneller ins Auge springen und gezielt geübt werden. (-> Hierzu bietet sich eine Übemethode an, die ich in einem kommenden Artikel noch genauer beschreiben werde.)
3. Du kannst deine Meinung ändern.
Wenn nun, wie unter Punkt 2 beschrieben, ein schwieriger Fingersatz identifiziert wurde, der beispielsweise eine Passage aus Läufen erheblich erschwert, kann man die Probleme, die der ursprüngliche Fingersatz bereitet hat, durch kleine Veränderungen meistens schnell umgehen.
Im Laufe deiner Klavierlaufbahn wird es Dir noch häufiger passieren, dass auch detailliert ausgearbeitete Fingersätze im Übeprozess verändert werden. Manchmal fällt uns die bequemste Lösung nicht sofort ein oder wir merken erst bei gesteigertem Tempo, dass uns eine Fingerkombination Steine in den Weg legt. Wenn Du Dir die Fingersätze aufschreibst, kannst Du genau solche Problemstellen identifizieren und einen neuen Fingersatz erarbeiten. Dadurch, dass Du den neuen Fingersatz notierst, entlastest Du erneut Dein Gehirn, da Du nicht jedes Mal, wenn Du die Stelle spielen möchtest, denken musst: „Hier hatte ich doch etwas verändert. Was war das noch gleich?“ Auf diese Weise kannst du ebenfalls verhindern, dass Dir die Fingersatzänderung vielleicht sogar entfällt und Du wieder in den alten Fingersatz zurückfällst.
4. Du kannst Dich auf andere Dinge konzentrieren.
Es ist in den vorherigen Punkten schon angeklungen: Wer sich Fingersätze notiert, hat den Kopf frei für andere Dinge. Taucht in einem Stück eine E-Dur-Tonleiter auf, kann es sehr stressig werden, wenn Du jedes Mal über den Fingersatz nachdenken musst, während Du doch eigentlich das vorgeschriebene Crescendo einüben möchtest. Du musst deine Aufmerksamkeit zweiteilen – dies kann leicht zu Stress führen und den Übeprozess deutlich verlangsamen. Streiche also die Frage nach Fingersätzen schnellstmöglich aus deinem Kopf, in dem Du sie auf dem Notenpapier notierst. Auf diese Weise kannst Du viel entspannter und ganzheitlicher Üben.
Fazit
Ich hoffe, mit dem vorliegenden Artikel konnte ich Dich ein wenig von der Relevanz überzeugen, Fingersätze aufzuschreiben. Auch wenn Du vielleicht gerade noch skeptisch bist: Probiere es doch einfach mal aus! Lege einen angespitzten Bleistift aufs Klavier und trage eine Woche lang deine Fingersätze in den Notentext ein. Beobachte dabei, wie sich dein Üben verändert und wie es sich anfühlt, auf diese Weise Klavier zu üben.
Ich habe mit dieser Methode sehr gute Erfahrungen gemacht: Wann immer ich mir die Zeit genommen habe, meine Fingersätze zu notieren, habe ich schnell und stressfrei Fortschritte bei dem jeweiligen Stück erzielt. Schreibe mir doch gerne eine E-Mail und lass mich wissen, wie die Methode bei Dir funktioniert hat. Ich wünsche Dir nun also viel Spaß beim Klavierüben und beim Notieren von Fingersätzen!



