Die effektivste Übemethode: Punktiertes Üben

Punktiertes Üben als effektivste Übemethode für schnelle Passagen

Punktiertes Üben ist die wahrscheinlich bekannteste und gleichzeitig effektivste Übemethode auf dem Klavier. Sie besteht darin, den Rhythmus einer ausgewählten Passage auf unterschiedliche Arten zu verändern, sodass jede Verbindung zwischen zwei Noten mindestens einmal schnell eingeübt wurde. Mithilfe dieser Methode lassen sich schnelle Läufe auf dem Klavier in kürzester Zeit einüben.

Die Übemethode, die ich in diesem Artikel vorstellen möchte, hat mich in den 20 Jahren, die ich mittlerweile Klavier spiele, immer begleitet. Wann immer ich Schwierigkeiten hatte, eine Passage in schnellem Tempo zu spielen, habe ich diese Methode mit Erfolg eingesetzt. Punktiertes Üben ist einfach zu verstehen und führt in kurzer Zeit zu großen Verbesserungen.

Was ist punktiertes Üben?

Beim punktieren Üben wählt man eine kurze Passage aus einem Stück aus, die einen regelmäßigen Rhythmus aus gleichen Notenwerten aufweist. Wichtig ist, dass der Rhythmus der ausgewählten Passage nicht schon einen punktierten Rhythmus aufweist. Dieser Rhythmus wird anschließend verändert: Von zwei Notenwerten, wird einer verlängert, während der andere verkürzt wird. Aus zwei Achteln wird so beispielsweise eine punktierte Achtel und eine Sechzehntel. (Der Punkt hinter einer Note verlängert diese Note um die Hälfte ihres Werts.) Aus diesem Grund erhält diese Methode auch ihren Namen: Der Rhythmus wird durch Anhängen eines Punktes hinter eine Note und die Verkürzung einer zweiten Note ‚punktiert‘.

Noten in geradem und punktiertem Rhythmus

Es gibt nun mehrere Varianten, wie man den Rhythmus modifizieren kann, sodass er punktiert wird. Die gängigsten Varianten sind die Punktierung „lang-kurz“, bei der eine Art zackiger Marschrhythmus entsteht. Kehrt man die rhythmischen Werte um, indem nun die erste Note einer Zweiergruppe verkürzt und die zweite Note punktiert wird, erhält man Zweiergruppen mit dem Rhythmus „kurz-lang“. Um diese und die weiteren Arten des punktierten Übens zu veranschaulichen, nehmen wir ein Beispiel aus der Klavierliteratur.

Stellen wir uns vor, wir möchten die folgende Passage aus Johann Sebastian Bachs Invention Nr. 1 in C-Dur üben. Die Sechzehntelkette in der rechten Hand stellt uns vor Schwierigkeiten: Der Lauf will noch nicht so recht gleichmäßig Gelingen, das angestrebte Endtempo von Viertel = 72 ist noch in weiter Ferne.

Bach Invention C-Dur T. 3-5

Zunächst bietet es sich an, sich auf den Lauf in der rechten Hand zu konzentrieren. Dazu wird die linke Hand vorerst ausgelassen – des Weiteren wird sich für den nächsten Übegang auf den Takt 3 bis zur 1 von Takt vier beschränkt.

Bach Invention C-Dur T. 3 rechte Hand

Die ersten beiden Varianten „lang-kurz“ und „kurz-lang“ führen zu folgenden Alternativen.

Beachte, wie in der Variante „lang-kurz“ die Noten 2,4,6,8 usw. schnell mit der folgenden Note zu verbinden sind, während in der Variante „kurz-lang“ die Noten 1,3,5,7 usw. schnell gespielt werden müssen. Hat man beide Varianten durchgespielt, so hat man zusammengenommen jede Note mindestens einmal schnell gespielt.

Man kann nun mit dem Verhältnis der Noten zueinander spielen. In dieser Varianten ist das Längenverhältnis 3:1. Wählt man stattdessen ein Verhältnis von 2:1 erhält man einen triolischen Rhythmus, der ein wenig an Swing erinnert.

Umgekehrt kann man die Punktierung auch ‚verschärfen‘, indem man das Verhältnis der Noten vergrößert. Man kann es sogar so weit treiben, dass jeweils eine Note quasi eine Fermate hat und die andere Note der Zweiergruppe wie ein kurzer Vorschlag ausgeführt wird.

Die bisherigen Rhythmen punktierten den Rhythmus innerhalb von Zweiergruppen. Es gibt jedoch auch Varianten, die jeweils vier Noten zusammenfassen. Es entstehen die Varianten „lang/kurz-kurz-kurz“ und „kurz-kurz-kurz/lang“. Hier müssen nun schon drei Noten in Folge schnell ausgeführt werden, weshalb diese Varianten erst nach einigen Durchgängen in Zweiergruppierungen empfehlenswert sind.

Wie übt man punktiert?

Zunächst sucht man sich einen kleinen Abschnitt und konstruiert die punktierten Rhythmen. Jede der Punktierungsarten sollte mehrfach hintereinander gespielt werden. Erst dann sollte die Punktierungsart variiert werden. Anfangen sollte man stets mit den Zweiergruppen. Anschließend sollte mit dem Notenverhältnis in jeder Punktierungsart gespielt werden, bevor man zur Punktierung mit vier Noten weitergeht. Je nach Schwierigkeit und Geschwindigkeit der Passage, sollte man länger bei einem Punktierungstyp verweilen und an aufeinanderfolgenden Tagen das punktierte Üben auf dieselbe Stelle anwenden.

Ein möglicher Ablauf könnte wie folgt aussehen:

  • 5x „lang-kurz“   |    5x „kurz-lang“  Pause
  • 3x „lang-kurz“ Swing    |     3x „lang-kurz“ scharf    |     3x „kurz-lang“ Swing    |     3x „kurz-lang“ scharf    |    Pause
  • 5x „lang/kurz-kurz-kurz“    |     5x „kurz-kurz-kurz/lang“    |     Pause
  • Passage in notiertem Rhythmus durchspielen.

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Wie funktioniert punktiertes Üben?

Häufig heißt es, dass man schnelle Passagen am besten langsam übt. Tatsächlich ist die neurologische Forschung mittlerweile so weit, dass sie langsames Üben nicht mehr uneingeschränkt für schnelle Passagen empfiehlt. Zwar kann man in langsamerem Tempo einige Parameter konzentrierter und effizienter üben, doch motorisch gibt es nur eine Möglichkeit, schnelle Partien am Ende auch schnell spielen zu können: Und zwar, indem man sie schnell übt.

Dies mag zunächst überraschen, aus neurologischer Sicht ergibt diese Empfehlung aber durchaus Sinn. Schnelle Bewegungsabläufe werden von Neuronen initiiert, die sich der willkürlichen Bewegung entziehen – sie sind gewissermaßen reflexartige Bewegungen. Übt man eine Passage, die am Ende schnell gespielt werden soll, langsam, so wird sie mit einem anderen neuronalen System einstudiert – eines, das bei der Aufführung im Endtempo für diese Bewegung gar nicht genutzt wird. Aus diesem Grund ist es sehr viel effektiver, den Bewegungsablauf gleich mit dem ‚reflexiven System‘ einzustudieren und dies geht nur, indem man die Stelle schnell einübt.

Wie kann man nun eine unbekannte Stelle schnell einüben, ohne völlig überfordert von der Geschwindigkeit der Anforderungen zu sein? Das Zauberwort lautet hier „Chunking“. Chunking bedeutet lediglich, Einzelereignisse zu kleinen Gruppen zu bündeln bzw. größere Zusammenhänge in kleinere „Brocken“ zu unterteilen.

Und genau das passiert beim punktierten Üben. Durch die Punktierung „lang-kurz“ wird die jeweils zweite Note einer Zweiergruppe schnell gespielt, während sich durch die Verlängerung der ersten Note, das Tempo nicht verändern muss. Wir üben gewissermaßen jede zweite Note in einem unglaublich schnellen Tempo, während wir uns auf der langen Note immer wieder kurz ausruhen können. Kehren wir die Punktierung um, so werden nun die Noten, die zuvor Ruhepunkte waren, in einem schnellen Tempo eingeübt, während die zuvor schnell ausgeführten Noten die neuen Ruhepunkte werden.

Die Punktierungsvarianten mit vier Noten bilden eine Steigerung, weil die Chunks („Brocken“) hier vergrößert werden: Nun werden drei Noten in Folge schnell gespielt, während lediglich eine Note der Ruhepunkt ist.

Wann wendet man punktiertes Üben an?

Punktiertes Üben lässt sich fast überall anwenden, wo Bewegungen auf dem Klavier schnell ausgeführt werden müssen. Dies können sowohl Laufpassagen sein, als auch akkordische Passagen, in denen schnelle Akkordwechsel vollführt werden müssen. Voraussetzung ist, dass der Rhythmus der Originalpassage nicht schon einen punktierten Rhythmus aufweist. Die Konstruktion eines punktierten Rhythmus kann auch kompliziert werden, wenn kein gleichmäßiger Rhythmus vorliegt und die Notenwerte ständig wechseln.

Punktiertes Üben kann auch als eine Art Fingergymnastik fungieren. Durch die Punktierung des Rhythmus werden immer zwei Finger sehr schnell aufeinander genutzt, sodass diese Verbindung beim punktierten Üben gestärkt wird. Verändert man bei gleichen Noten die Punktierung, so werden die jeweils anderen Fingerverbindungen trainiert. Diese Taktik kann auf alle Fingerkombinationen angewendet werden. Bei den naturgemäß schwächeren Verbindungen in den Fingern 3-5 sollte man jedoch genau auf Symptome einer Überlastung achten: Schon bei dem geringsten Anzeichen von Schmerz, einem Ziehen oder eines Wärmeempfindens, sollte man mit der Übung aufhören.

Fazit

Punktiertes Üben ist ein Wundermittel für viele Stellen. Ich persönlich verwende diese Übemethode fast in jedem Stück, das ich einstudiere. Schon fünfminütige Übeeinheiten können die Sicherheit und Geschwindigkeit an einer Stelle stark erhöhen. Auch für grundlegende technische Übungen wie Tonleitern lässt diese Methode sehr gut anwenden.

Henning Wölk

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