Im folgenden Artikel möchte ich Dir eine der besten Übemethoden vorstellen, die mich schon viele Jahre begleitet und die Dein Üben effektiver und ganzheitlicher gestaltet. Dieser Methode liegt folgender Gedanke zugrunde: Wenn eine Stelle schwierig ist und geübt werden muss, dann können wir entweder die konkrete Stelle üben oder wir können das zugrundeliegende Prinzip üben und haben zum einen die konkrete Stelle gemeistert als auch eine neue, allgemeinere Fähigkeit auf dem Klavier erlernt.
Die beste Übemethode: Generalisiertes Üben
„Wenn Du eine Stelle übst, dann übe nicht nur die spezifische Passage sondern übe die allgemeinste zugrundeliegende technische Vokabel.“ Dieser Satz mag zunächst ein wenig Komplex erscheinen, weshalb ich diesem Satz den folgenden Artikel widmen möchte.
Einfacher formuliert, könnte der Satz wie folgt lauten: „Wenn Du Zeit für eine schwierige Stelle investierst, dann übe Sie so, dass Du eine allgemeine Fähigkeit dadurch lernst.“
Nehmen wir an, Du hast eine schwierige Passage in einem Stück identifiziert und möchtest diese nun üben. Diese Stelle umfasst ein paar Sechzehntelnoten in der rechten Hand, die Du noch nicht im angestrebten Tempo spielen kannst, weil der Fingersatz von nicht ausführbar ist. Du hast nun zwei Optionen:
- Du kannst die betreffende Passage isoliert üben. Durch unterschiedliche Übemethoden wie das Rhythmisieren des Sechzehntellaufes erarbeitest Du Dir die Stelle und nach 10 Minuten bemerkst Du eine signifikante Temposteigerung. Du hast also 10 Minuten investiert und hast einen Takt gelernt.
- Du kannst die Schwierigkeit der betreffenden Passage genau identifizieren und daraus eine eigene Übung kreieren. Dafür nimmst Du den Baustein, der Dir technisch Schwierigkeiten bereitet und sequenzierst ihn auf- oder abwärts. Du spielst deine Übung in unterschiedlichen Tonarten. Nach 10 Minuten kannst Du den betreffenden Takt des Stückes sehr viel schneller und leichter spielen als zuvor, gleichzeitig hast Du aber auch eine neue Vokabel zu deinem technischen Repertoire hinzugefügt. Wann immer Dir dieser Baustein in anderen Stücken begegnet, wirst Du mit ihm kaum noch Schwierigkeiten haben (natürlich hängt der Übeaufwand immer von Tonart, Tempo oder anderen Variablen des Stücks ab).
Ich denke, es ist deutlich geworden, dass die zweite Herangehensweise einen großen Vorteil mit sich bringt: Nach einer bestimmten Zeit, die Du investiert hast, kannst Du entweder einen konkreten Takt, wie er im Stück vorkommt oder Du kannst die technische Vokabel, die dahintersteht, und Du wirst ähnliche Takte in anderen Stücken ebenfalls spielen können.
Was ist eine technische Vokabel?
Eine technische Vokabel ist ein wiederkehrender spieltechnischer Baustein. Eine technische Vokabel ist daher ein allgemeiner technischer Ablauf im Klavierspiel, der stückübergreifend auftreten kann. Eine technische Vokabel kann unterschiedlich umfangreich definiert werden. Von der Artikualtionsart eines einzelnen Tons bis zur Tonleiter, kann jeder technische Vorgang, der abstrahiert werden kann, als technische Vokabel gelten. Ein häufiges Beispiel ist der Daumenuntersatz. Fast in jedem Klavierstück findet er Anwendung und gerade zu Anfang kann die eigentliche Schwierigkeit beim Spielen von Tonleitern in der technischen Vokabel des Daumentuntersatzes bestehen.
Beispiel: Daumenuntersatz
Beobachtet man also an sich, dass mein bei ausgedehnteren Läufen häufig ins Stolpern gerät und einzelne Noten immer wieder herausstechen so könnte dies an einem noch nicht ganz ausgefeilten Daumenuntersatz liegen. Ich komme noch einmal auf die beiden Optionen vom Anfang des Artikels zurück: Natürlich könnte man den betreffenden Lauf in dem vorliegenden Stück detailliert üben bis man ihn sicher beherrscht. Wäre es aber auf lange Sicht nicht hilfreicher, die technische Vokabel des Daumenuntersatzes insgesamt zu verbessern, sodass jegliche Läufe, die einem in Stücken begegnen können, nicht mehr durch holprige Daumenuntersätze gebremst werden?
Für genau solche Fälle ist das generalisierte Üben eine nützliche Methode. Hierfür wird die technische Vokabel, die Schwierigkeiten bereitet, identifiziert und anschließend eine eigene Übung konzipiert oder improvisiert. Diese Übung muss überhaupt nicht komplex sein, meistens besteht sie einfach aus einer Reihe von sequenzierten Bausteinen.
Um das Konzept des generalisierten Übens etwas anschaulicher zu machen, gebe ich Dir hier ein paar Beispiele zum Thema Daumenuntersatz.
Nehmen wir an, Du übst die berühmte Sonata Facile in C-Dur von Mozart. In Takt 5 beginnt eine Sequenz von Tonleitern, in denen ständig Daumenuntersätze vorkommen. Die Gefahr bei dieser Stelle ist, dass a) der Daumenuntersatz Zeit kostet und die Läufe somit holprig klingen oder b) dass der Daumen aufgrund der schnellen Bewegung beim Untersatz heraussticht.

Man könnte nun versuchen, die vorliegenden Takte ganz konkret zu üben. In diesem Fall bedeutet dies: Daumenuntersätze werden nur von einer weißen zur benachbarten weißen Taste geübt. Doch was wäre zum Beispiel bei einer g-Moll-Tonleiter, wenn wir zwischen der schwarzen Taste B und der übernächsten weißen Taste C einen Daumenuntersatz vollführen müssen? Es bietet sich also an, den Daumenuntersatz als eine elementare technische Vokabel ganz allgemein zu üben.
Zunächst sollte die technische Vokabel isoliert werden. In diesem Fall ist dies vor allem der Moment, in dem der Daumen gebeugt wird und unterhalb der anderen Finger zur neuen Taste geführt wird. Eine Möglichkeit, dies isoliert zu üben, wäre die folgende:

Die Übung sollte gebunden ausgeführt werden – dabei entsteht eine sanfte Bewegung des Handgelenks von links nach rechts, außerdem eine minimale Bewegung nach oben, da der dritte Finger ein wenig Platz für den Daumen machen muss. Das Handgelenk beschreibt also einen flachen Halbkreis und sollte hierzu möglichst locker und durchlässig sein. Spiele diese Übung zunächst ganz langsam und beobachte den Daumen, wir er sich unter den anderen Fingern hindurchfädelt. Der Daumen hat ganze zwei Noten Zeit, um die Bewegung in Ruhe auszüführen. Wenn Du die Übung langsam spielen kannst, steigere vosichtig das Tempo.
Anschließend können die schwarzen Tasten miteinbezogen werden. Eine Möglichkeit wäre, die Übung einen Ganzton aufwärts zu transponieren:

Mit den Erfahrungen aus der ersten Übung sollte diese Übung keine großen Schwierigkeiten machen. Denn dadurch, dass der dritte Finger auf einer schwarzen Taste ist, entsteht mehr Platz für den Daumenuntersatz.
Anders verhält es sich jedoch, wenn man die Übung in c-Moll spielt. Hier muss der Daumen auf die ‚übernächste‘ weiße Taste untersetzen. Der Abstand zwischen drittem Finger und Daumen ist also etwas vergrößert – die Folge: Die durchlässige Pendelbewegung des Handgelenks von links nach rechts muss ein wenig größer ausfallen, um den Daumen bei seinem Untersatz zu unterstützen. Hektik ist dennoch nicht erforderlich: Durch die beiden Töne während des Untersatzes ist immer noch mehr als genug Zeit, um eine durchlässige Bewegung zu gestalten.

Bisher wurde nur der Daumen und die Handgelenksbewegung trainiert – lediglich der Daumen musste seine Position verändern. Wird der Tonleiterausschnitt nun vergrößert, entstehen neue Herausforderungen:

Nach dem Daumenuntersatz muss nun die gesamte Hand ihre Position verändern. Es kann zu Beginn helfen, jeweils auf dem zweiten Finger stehen zu bleiben, um die Treffsicherheit unmittelbar nach dem Daumenuntersatz zu gewährleisten.
Ist diese Übung sicher, kann man erneut die schwarzen Tasten miteinbeziehen, z.B. so:

Nachdem diese Übungen durchgespielt wurden, sollte nun der Daumenuntersatz in der Mozart-Sonate keine großen Probleme mehr bereiten. Selbstverständlich muss die konkrete Passage im Stück ebenfalls geübt werden – die technische Vokabel des Daumenuntersatzes lässt sich nach diesem Übegang aber viel leichter auf andere Stück anwenden.
Bisher wurden ausschließlich Übungen für den Daumenuntersatz nach dem dritten Finger aufgeführt. Abschließend möchte ich Dir noch ein Beispiel für den Daumenuntersatz nach dem vierten Finger geben:

Analog zu den Übungen weiter oben, kann man zunächst auf den weißen Tasten beginnen. Dadurch, dass der Daumenuntersatz nun nach dem vierten Finger erfolgt, ist eine durchlässige und gleichmäßige Bewegung des Handgelenks besonders wichtig. Anschließend kann man die schwarzen Tasten miteinbeziehen:

Bereits die übliche Tonart F-Dur hat ihre Tücken: Zwischen dem vierten Finger auf B und dem ersten Finger auf C muss eine weiße Taste übersprungen werden – die Bewegung des Handgelenks muss ein weiteres Mal vergrößert werden. Achte hier noch einmal besonders auf ein durchlässiges Handgelenk. Bei Spannungen im Handgelenk oder im Daumenballen sollte unbedingt (wie auch bei sonstigen Spannungen) eine Pause eingelegt werden. Auch diese Übung ließe sich nun analog zu den obigen Übungen fortsetzen.
Werde selbst kreativ – erfinde eigene Übungen!
Nach diesen Beispielübungen ist es nun an der Zeit, dass Du selbst kreativ wirst und Dir eigene Übungen ausdenkst. Spiele mit unterschiedlichen Rhythmen – kombiniere diese Übemethode zum Beispiel mit dem punktierten Üben – oder denke Dir für andere Vokabeln passende Übungen aus. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und es macht großen Spaß, sich eigene ‚Fingergymnastikübungen‘ auszudenken. Deine Technik wird dadurch garantiert profitieren: Je vielfältiger Du deine Technik trainierst, desto besser wird sie.
Daumenuntersatz nach Alfred Cortot

Fazit
Das generalisierte Üben ermöglicht es Dir, anhand konkreter Stücke technische Vokabeln zu erlernen, indem Du Übungen entwickelst, die über das konkrete Stück hinausgehen. Stattdessen trainiert die Übung eine Technikvokabel auf einer allgemeineren Ebene. Der Vorteil: Die Technikvokabel steht die künftig unabhängig von einer konkreten Passage eines Stücks zur Verfügung. Gleichzeitig schulst Du durch das Erfinden passender Übungen deine Kreativität. Nicht zuletzt lernst Du, Schwierigkeiten genau zu identifizieren und Strategien zur deren Bewältigung zu entwickeln. Diese Aspekte machen diese Übemethode für mich zu einer der besten Methoden überhaupt.
Lass mich gerne wissen, wie Dir diese Übemethode gefällt! Viel Erfolg beim Klavierüben!



