Bin ich zu alt, um mit Klavierspielen anzufangen?

Klavier zu lernen ist in jedem Alter möglich

Viele Menschen möchten auch im Erwachsenenalter noch mit einem Instrument anfangen. Häufig habe ich im Zusammenhang mit dem Klavier die Frage gehört: „Meinst Du, dass ich Klavier noch lernen kann?“ Meine Antwort ist jedes Mal ein entschlossenes: „Ja!“ Denn auch im Erwachsenenalter kann man mit Freude und ein wenig Disziplin große Fortschritte auf dem Klavier erzielen. In diesem Artikel möchte ich Dir ein paar Gründe nennen, warum das Klavierspiel ein wunderbares Hobby sein kann, und erkläre Dir sogar ein paar Vorteile, die Erwachsene Klavierüben gegenüber Kindern haben.

Wenn Du auf diesen Artikel gestoßen bist, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass Du als erwachsener Mensch den Wunsch hegst, mit dem Klavierspiel anzufangen. Du fragst Dich, ob Du Klavier in ‚deinem Alter‘ überhaupt noch lernen kannst – Du musst aber eigentlich nicht mehr davon überzeugt werden, dass es sich ‚lohnt‘, Klavier spielen zu können. Für diejenigen, die sich noch nicht ganz sicher sind, ob sich der Aufwand lohnt, sind hier in Kürze ein paar Gründe zusammengefasst, warum das Klavier ein wunderbares Hobby ist:

Warum sollte ich mit dem Klavierspiel beginnen?

  1. Klavierspielen ist ein wunderbarer Ausgleich zum stressigen Alltag.

Klavierspielen entschleunigt und kommt meiner Meinung nach einer Meditation sehr nahe. Ich hatte in meinen frühen Zwanzigern ein sehr stressiges Studium, das mich häufig an meine Belastungsgrenze geführt hat. Wenn ich mal wieder Stunden am Schreibtisch verbracht hatte und den Kopf bereits vor Erschöpfung in die Arme gesunken war, stand ich häufig auf, setzte mich ans Klavier und spielte: Manchmal meine Lieblingsstücke, manchmal gänzlich improvisiert. Die Musik gab mir häufig Kraft und Trost, das Klavierspiel führte mich in eine Art meditativen Zustand und beruhigte mich. Für einen Moment konnte ich die nächste Klausur, meine Hausarbeit oder den Aufsatz auf meinem Schreibtisch vergessen und einfach im Moment sein.

Das Berufsleben oder ein stressiger Alltag kann uns sehr stark auslaugen. Die Klavierbank ist dagegen ein Ort der Ruhe und sehr vielseitig: Man kann dort den Kopf ausschalten, sich schönen Herausforderungen stellen oder die Gedanken einfach schweifen lassen. Der Umgang mit Musik und die Kreativität beim Klavierspiel kann so einen wertvollen Ausgleich zu einem stressigen Tag darstellen.

  1. Klavierspielen ermöglicht Dir, Dich selbst auszudrücken und kreativ zu werden.

Auf dem Klavier hast Du die besondere Gelegenheit, Dir selbst Platz zu schaffen und Dich selbst auszudrücken. Im Alltag müssen wir häufig ‚funktionieren‘. Wir haben eine lange To-Do-Liste, die möglichst effizient abgearbeitet werden muss, und vielfältige Anforderungen, denen wir gerecht werden müssen.

Das Klavierspiel ist dagegen kaum vom Effizienzgedanken geprägt: Das Klavier ist ein stressfreier Ort, an dem wir auf unsere Bedürfnisse Acht geben und unseren Emotionen freien Lauf lassen können. Wenn ein bisschen Zeit in das freie Klavierspiel investiert wurde, ist es ein Leichtes, eigene Einfälle auf dem Klavier zu improvisieren – eine Form der Kreativität, die wir in unserem Alltag häufig nicht nutzen.

  1. Klavierspielen bringt Menschen zusammen.

Meiner Meinung nach eine der größten Stärken des Klaviers: Man kann sowohl allein als auch in Gruppen musizieren. Das Solo-Repertoire für das Instrument ist schier unendlich – möchte man mit anderen Menschen gemeinsam musizieren, bietet sich das Klavier für Liedbegleitung oder andere kammermusikalische Besetzungen an. Wer Klavier spielt, kann ganz einfach andere Menschen mit ihrer Stimme oder ihrem Instrument begleiten.

  1. Klavierspiel hält den Kopf fit.

Klavierspielen ist wahres Multitasking. Es stimmt: Multitasking ist eigentlich der falsche Begriff, aber auf dem Klavier bist Du gleichzeitig mit der Erzeugung mehrerer Töne beschäftigt. Du bist ständig damit beschäftigt, neues zu erlernen, deine Grenzen auszutesten. Das Klavierspiel fordert Dich dabei kognitiv, motorisch, intellektuell und emotional. Das hält den Kopf fit!

  1. Auf dem Klavier kannst Du schnell Fortschritte erzielen.

Das Klavier ist im Vergleich zu anderen Instrumenten recht einfach zu erlernen. Zum einen sind die Anforderungen an deine Fitness nicht besonders hoch. Verglichen z.B. mit der Trompete, solltest Du lediglich in der Lage sein, aufgerichtet am Klavier sitzen zu können – ein Trompeter hingegen braucht eine sehr gut trainierte Rumpfmuskulatur. Zum anderen ist die Tonproduktion denkbar einfach: Du drückst eine Taste, der Ton erklingt. Je stärker und die Taste anschlägst, desto lauter wird der Ton. Auf Streichinstrumenten gibt es keine Anhaltspunkte, wo sich welcher Ton befindet. Darüber hinaus sind auf dem Klavier alle Klangregister (hoch-tief) gleichermaßen leicht zu spielen. Bei Blechblasinstrumenten erhöht sich der Luftdruck und die Lippenspannung je höher Du spielen möchtest. Auf Streichinstrumenten rücken die Töne auf dem Griffbrett immer dichter zusammen je höher Du spielen möchtest. Auf dem Klavier sind alle Tasten gleichbreit und erfordern ein sehr ähnliches Kraftmaß. Dir steht also von Anfang die gesamte Klangbreite des Klaviers zur Verfügung.

  1. Auf dem Klavier kann man (fast) alles spielen.

Du möchtest gerne Pop-Balladen auf dem Klavier spielen? Kein Problem! Du liebst Jazz und würdest gerne Jazz-Standards spielen können? Wunderbar! Du magst klassische Musik und möchtest gerne Mozart-Sonaten lernen? Perfekt! Das Klavier ist eines der vielseitigsten Instrumente überhaupt. Egal, ob Jazz, Rock, Pop oder Klassik: Auf dem Klavier kannst Du eigentlich alles spielen, was Du möchtest!

„Sollte ich wirklich noch mit Klavier anfangen?“

Viele Erwachsene, die überlegen mit dem Klavierspiel anzufangen, schrecken davor zurück, weil sie glauben, mit ihren ‚älteren Gehirnen‘ wären sie nicht mehr dazu in der Lage, Fortschritte auf dem Instrument zu erzielen. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Erwachsene Menschen ihren Traum vom Klavierspiel nicht in die Realität umsetzen, weil sie glauben, dass sie kognitiv dazu nicht in der Lage wären, macht mich das ein bisschen traurig. Natürlich ist es wahr: Unser Gehirn ist im Kindesalter am aufnahmefähigsten, es saugt Informationen förmlich auf wie ein Schwamm. Nicht umsonst hat man in der Forschung ‚kognitive Zeitfenster‘ ausgemacht, die sich mit der Zeit schließen, z.B. für das Erlernen einer ‚Muttersprache‘ oder für die Aneignung des absoluten Gehörs. Kinder haben also durch die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns einen Vorteil für das Erlernen eines Instruments. Doch das ist nur die halbe Wahrheit!

Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Erwachsene Vorteile gegenüber Kindern haben, die die kognitiven Nachteile ausgleichen können.

Ein kleiner Disclaimer vorweg: Die folgenden Vorteile sind nur meine ganz individuellen Beobachtungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Die folgenden Ausführungen bedeuten nicht, dass Kinder nie freiwillig Klavier lernen (s. Punkt 1), nicht auch strukturiert sein können (s. Punkt 3) oder ihre Stücke nicht emotional durchdringen würden (s. Punkt 4).

  1. Du spielst Klavier, weil Du es möchtest.

Ich bin in einem etwas wohlhabenderen Stadtteil von Hamburg aufgewachsen und kann für meine dortigen Klassenkamerad*innen fast ausnahmslos behaupten: Elementarer Bestandteil der elterlichen ‚Erziehung‘ war es, dass Kinder (mindestens) eine Sportart machen mussten und ein Instrument erlernen sollten. Grundsätzlich ist es wunderbar, dass Kindern so viele Gelegenheiten des Ausprobierens wie möglich gegeben werden, damit sie ihren ganz persönlichen Interessen und Leidenschaften folgen können. Auch das Berücksichtigen von körperlicher Aktivität und künstlerischen Tätigkeitsfeldern ist meines Erachtens eine gute Sache. Zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch unter den Schüler*innen, die ich in meinem Leben unterrichtet habe, waren allerdings die Kinder in der Mehrheit, die mit dem Instrumentalunterricht vor allem ihren Eltern einen Gefallen tun wollten. Der durchaus anspruchsvolle Schulalltag verbunden mit einem starken sozialen Bedürfnis, machte Instrumentalunterricht einfach nicht zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung: Wenn man schon die Hausaufgaben fertig hatte, dann wollte man lieber mit seinen Freunden spielen. Erst mit der Pubertät wurde dann gegen die elterliche Vorschrift rebelliert – aus diesem Grund werden auch viele Instrumentalunterrichte in diesem Alter beendet. Wie häufig habe ich schon mit Erwachsenen gesprochen, die so etwas ähnliches erzählten wie: „Ich habe als Kind mal Geige gespielt. Aber ich habe mit 14 Jahren aufgehört. Das war mir einfach zu anstrengend.“

Als Kind wird also häufig für Dich entschieden, dass Du ein Instrument lernen sollst. Du kannst noch mitbestimmen, welches Instrument es sein soll – vorausgesetzt, es gibt keine preislichen Limits. Als erwachsener Mensch hingegen ist es höchstwahrscheinlich deine eigene Entscheidung, ein Instrument erlernen zu wollen. Aus diesem Grund hast Du vielen Kindern gegenüber einen großen Vorteil: Eine intrinsische Motivation.

  1. Du kannst Dich selbst sehr genau beobachten.

Ich habe in meinem Unterricht häufiger die Erfahrung gemacht, dass Kinder sich nicht selbst beobachten. Kinder können am Klavier sehr konzentriert und ehrgeizig sein. Wenn aber die Dinge nicht so funktionieren, wie sie sich das vorstellen, ist die Gefahr der Frustration sehr groß. Selten habe ich es erlebt, dass Kinder sich selbst aus dieser Frustration herausholen, indem sie reflektieren: Was ist die Schwierigkeit an dieser Passage? Warum funktioniert die Stelle noch nicht? Was kann ich an mir oder meinem Verhalten verbessern, damit ich zu einem Erfolg komme?

Erwachsene Menschen haben in der Regel schon Erfahrungen mit Selbstreflexionen gemacht und sind in der Lage, sich selbst zu beobachten. Diese Fähigkeit ist beim Klavierüben von unschätzbarem Wert. Sich selbst beobachten zu können, bedeutet, Schwierigkeiten identifizieren zu können und einen individuellen Weg zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten zu finden.

Sich selbst beobachten zu können, bedeutet, Schwierigkeiten identifizieren zu können und einen individuellen Weg zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten zu finden.

3. Du bist strukturiert.

Häufig habe ich von den Eltern meiner Schüler*innen folgendes gehört: „Wenn ich sie nicht daran erinnern würde, würde sie unter der Woche gar nicht üben!“ Nun, es kann sein, dass mein Unterricht nicht ausreichend motivierend für die Kinder war, sodass sie nie Lust verspürten, zu üben. Wenn ich mich aber an meinen Unterricht erinnere, so kann ich keinen Zusammenhang zwischen der Qualität des Unterrichts und meinem Zeitmanagement finden: Ich habe meinen Klavierunterricht immer geliebt, meine Klavierlehrerin verehrt und niemals überlegt, mit dem Klavierspielen aufzuhören. Und dennoch war es fast immer so, dass ich erst am Tag vor dem Klavierunterricht angefangen habe zu üben, nämlich genau dann, wenn mich der Gedanke „Ich habe ja morgen schon wieder Klavierunterricht!“ wie ein Blitz durchfuhr. Auch wenn ich häufiger unter der Woche übte, hatte ich keine konkrete Übestrategie. Ich verfiel ins Blattspiel oder spielte das Stück immer wieder von vorne durch und hoffte auf eine magische Verbesserung beim nächsten Durchgang.

Als Erwachsene haben wir uns meistens ein gewisses Maß an Zeitmanagement angeeignet, schließlich schaffen wir es, einer Arbeit nachzugehen, Einkäufe zu tätigen und die Wohnung einigermaßen sauber zu halten. Wenn wir uns im Erwachsenenalter also dazu entschließen, ein Instrument zu lernen, dann können wir Übezeiten gezielt in unseren Wochenplan integrieren. Auch für das Üben können wir uns strukturierte Pläne dafür machen, was wir in einer Übesession erreichen wollen und wie wir es erreichen können.

4. Du durchdringst Musik intellektuell und emotional.

Ein unheimlich starker Motivator für Fortschritte auf dem Klavier können bestimmte Stücke sein, die uns ganz besonders am Herzen liegen. Wir lieben diese Stücke vielleicht, weil wir sie klanglich schön finden oder weil wir ein besonderes Ereignis damit verbinden. Wenn es um die Interpretation von Stücken geht, sind wir als Kinder häufig noch auf den Input durch eine Klavierlehrerin oder einen Klavierlehrer angewiesen: Er oder sie sagt uns, wie wir eine bestimmte Emotionalität in ein Stück hereinbringen können.

Das Folgende mag vielleicht ein bisschen altbacken klingen, aber ich bin dennoch davon überzeugt: Im Erwachsenenalter haben wir durch unsere Lebenserfahrung einen Vorteil, Stücke emotional zu durchdringen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück „Erster Verlust“ aus Robert Schumanns Album für die Jugend. Das Stück ist sehr melancholisch, der Titel verrät den Anlass. Als Kind fand ich dieses Stück klanglich sehr schön, doch ich kann mich noch erinnern, dass ich den Titel einfach nicht verstand und ihn schon gar nicht emotional ausdeuten konnte: Natürlich hatte ich schon mal etwas verloren, aber was macht das erste Mal so besonders?

Auch Trauermärsche erschlossen sich mir als Kind noch nicht – weder hatte ich jemals einer Beerdigung beigewohnt noch hatte ich ein Staatsbegräbnis im Fernsehen gesehen.

Dies sind nur zwei Beispiele, in denen die Reife und Lebenserfahrung ein Vorteil für die Interpretation von Musikstücken sein können. Hinzu kommt, dass die meisten Stücke, die wir heute auf dem Klavier spielen, Kompositionen Erwachsener waren, für die vielleicht Erfahrungen und Ereignisse der Auslöser für ein Werk darstellten. Wenn wir diese Erfahrungen teilen, haben wir gute Chancen, ein Stück Musik emotional zu ‚entschlüsseln.‘

Eine wichtige Frage zum Schluss: Möchtest Du Klavier spielen können oder Klavier lernen?

Ich komme noch einmal zu den Erwachsenen zurück, die sagen: „Ich würde so gerne Klavier spielen können. Aber bin ich nicht schon zu alt dafür?“ Hinter der Frage verbergen sich meiner Erfahrung nach meistens zwei anderen Fragen:

  1. Kann ich in meinem Alter noch das Klavierspiel erlernen?
  2. Möchte ich in meinem Alter noch das Klavierspiel erlernen?

Die erste Frage habe ich in diesem Artikel versucht zu beantworten: Ja, es ist definitiv möglich auch im Erwachsenenalter große Fortschritte auf dem Klavier zu erzielen, wenn man seine Fähigkeiten gezielt einsetzt. Häufig habe ich aber auch den Eindruck, dass hinter der Frage nach dem Alter eigentlich die zweite Frage steht: Man würde gerne Klavier spielen können, aber man ist sich noch nicht sicher, ob es der Aufwand wert ist.

Dazu kann ich aus meiner Erfahrung nur folgendes sagen: Natürlich kann ein Ziel wahnsinnig motivierend sein. Aber wenn der Prozess des Erlernens als ein reines Mittel zum Zweck angesehen wird, wird es schwierig, nachhaltige Fortschritte zu erreichen. Wenn Du das Klavier allerdings nutzt, um Freude am Erlernen neuer Dinge (wieder) zu entdecken, steht der ersten Klavierstunde eigentlich nichts mehr im Wege.

Es ist dabei wichtig, sich klarzumachen, dass niemand, der Klavier spielen kann, dies ohne den erheblichen Einsatz von Zeit erreicht hat. Wir neigen aber häufig dazu Einzelereignissen die Hauptbedeutung zukommen zu lassen und den Prozess zu diesem Einzelereignis zu vernachlässigen. Freue Dich auf den Prozess, denn in ihm liegen die Fortschritte, die kleinen und großen Erfolge sowie die Erkenntnisse über Dich selbst. Ich hoffe, dass dieser Artikel Dir bei der Entscheidung geholfen hat, Dich auf die Reise zu begeben und Klavierspielen zu lernen.

Henning Wölk

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