„Atomic Habits“ für das Klavierüben

Ein Bleistift ist die Grundlage für gute Gewohnheiten am Klavier

Wie in jedem anderen Lebensbereich ist auch das Klavierüben von Gewohnheiten bestimmt. Unsere Einstellung zum Üben, unsere Erwartungen an das Klavierüben und auch die Wahl unserer Übemethoden ist weniger von hohen Qualitätsstandards geprägt als von der Frage nach Gewohnheiten. Häufig sind unsere Gewohnheiten nicht optimal im Hinblick auf die Überfreude und den Fortschritt abgestimmt  – sie gehen stattdessen den Weg des geringsten Widerstands. Aus diesem Grund habe ich in diesem Artikel ein paar minimale Veränderungen für das Klavierüben gesammelt, die dir helfen sollen, bessere Gewohnheiten für dein Klavierüben zu etablieren.

Stelle die Noten aufgeschlagen auf das Notenbrett

Diese Maßnahme mag im ersten Moment sehr trivial wirken, aber ich habe mit dieser kleinen Veränderung die Frequenz, mit der ich zwischen zwei Klavierunterrichten geübt habe, häufig erhöhen können. Der Grund für diese Maßnahme ist einfach: Häufig vergehen schon einige Tage, bis die Klaviernoten den Weg aus der Tasche auf das Klavier gefunden haben. Und nicht selten war bei mir der Grund, weshalb ich trotz der Idee letztlich doch nicht geübt habe, die einfache Tatsache, dass ich die Noten zuerst hätte suchen müssen.

Wenn du nach dem Klavierunterricht nach Hause kommst, stelle die Noten, die Du gerade übst, also einfach auf das Notenbrett deines Instruments. Du musst sowieso irgendwohin mit der Tasche oder dem Rucksack. Wieso also nicht gleich die paar Schritte zum Klavier machen und die Noten dort aufgeschlagen hinstellen.

Kommst du im Laufe der Woche am Instrument vorbei, so werden Dir die Noten ins Auge fallen – eine sanfte Erinnerung, dass da noch eine Aufgabe auf dich wartet. Solltest Du Dich entschließen, eine kleine Übeeinheit zu starten, ist der Widerstand minimiert, denn Du kannst Dich einfach ans Instrument setzen und ohne Verzögerung loslegen.

Lege einen funktionierenden Bleistift mit Radiergummi auf das Instrument

Ich bin ein großer Verfechter davon, Informationen und musikalische Entscheidungen im Notentext zu notieren. Gerade Fingersätze sind für mich am Anfang ein absolutes Muss; denn glaube mir: So gut und logisch sich ein Fingersatz für Dich im Moment anfühlt, am übernächsten Tag wirst Du den Fingersatz entweder vergessen haben oder Du musst aus dem Gedächtnis mühsam rekonstruieren, welchen Fingersatz du gewählt hast. Es lohnt sich also Fingersätze, für die Du Dich entschieden hast, sofort zu notieren. Weil auch hier die Möglichkeit besteht, dass Du deine Meinung im Verlauf des Übeprozesses noch einmal änderst, empfiehlt sich die Verwendung eines Bleistifts.

Häufig ist es mir passiert, dass ich mir mühsam einen Fingersatz für eine anspruchsvolle Stelle zurechtgelegt habe – nun noch schnell das Ergebnis notieren, aber… es ist weit und breit kein Stift in Sicht. Und weil ich mich gerade überwunden habe, mich ans Klavier zu setzen und zu üben, bleibe ich natürlich nun sitzen und ‚merke mir den Fingersatz einfach.‘ Wie häufig das funktioniert hat, lässt sich wahrscheinlich an einer Hand abzählen.

Lege daher einen Bleistift ans Klavier, vielleicht einen besonderen mit musikalischem Aufdruck, sodass Du immer weißt, dass dies dein Klavier-Bleistift ist. Sorge dafür, dass er angespitzt ist und schreibt. Auf diese Weise hast du immer einen Stift zur Hand, wenn Du Dir Fingersätze oder andere wichtige Entscheidungen im Notentext notieren willst.

Notizen im Notentext helfen Dir, Dich an deine musikalischen Entscheidungen zu erinnern. Sorge also dafür, dass immer ein Bleistift am Klavier liegt.

Nutze eine gefaltetes Blatt Papier als Sichtbarriere

Ich habe es schon mal in einem anderen Artikel erwähnt: Häufig verfällt man beim Klavierüben in alte Gewohnheiten. Eine der beliebtesten Gewohnheiten ist „Durchspielen statt Üben“: Anstatt sich auf einen kleinen Abschnitt (von wenigen Takten Länge) pro Übeeinheit zu beschränken, spielt man das Stück immer wieder von vorne durch und spielt so lange, bis ein Fehler passiert. Leider ist das eine recht stressige, zeitintensive und daher ineffektive Übemethode. Ein sehr einfaches Mittel, um das Durchspielen von Stücken zu verhindern, ist ein gefaltetes Stück Papier (z.B. ein DIN-A4-Papier, das in der Hälfte gefaltet wurde). Beginnst du zum Beispiel ein neues Stück, so kannst Du die untere Hälfte des Notenpapiers einfach abdecken. Die Folge ist, dass du maximal die obere Hälfte der Seite durchspielen kannst, bevor Du das Blatt zur Seite bewegen musst. Diese einfache Maßnahme hilft dabei, sich bei einer Übeeinheit auf einen klar begrenzten Bereich zu fokussieren. Gerade wenn man eine Passage erfolgreich erlernt hat, versucht man in der Euphorie ‚noch so weit wie möglich zu kommen.‘ Daran ist auch überhaupt nichts auszusetzen: Möchte man jedoch effektiv und stressfrei üben, kann das Blatt dir helfen, deine Kräfte im Übeprozess zu bündeln.

Ein Blatt Papier als Sichtbarriere kann Dir helfen, beim Üben nicht immer das gesamte Stück durchzuspielen, wenn Du Dich eigentlich auf einen Teil konzentrieren möchtest.

Fazit

Das sind ein paar einfache Tipps, die dir helfen, häufiger am Klavier Platz zu nehmen und zu üben, bzw. beim Üben auf einen Abschnitt fokussiert zu bleiben und erarbeitete Fingersätze oder interpretatorische Entscheidungen im Notentext zu fixieren. Ich hoffe, dass Dir diese Tipps ein wenig helfen und wünsche Dir viel Freude beim Klavierüben!

Henning Wölk

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