6 einfache Strategien, um neue Klavierstücke zu lernen

Wir alle lernen Klavier, um unsere Lieblingsstücke spielen zu können – der Weg zum Können führt dabei zwangsläufig über das Lernen. Wenn Du dir ein neues Klavierstück vornimmst, kann die Motivation schnell zum Problem werden: Da sind noch so viele Noten zu lernen und zu Beginn scheint noch nichts so richtig gut zu funktionieren. Ich habe in diesem Artikel ein paar einfache Strategien und Tipps gesammelt, wie Du bei einem neuen Klavierstück schnell und nachhaltig Fortschritte erzielst und erfolgreiches Üben bereits in der Anfangsphase vorbereiten kannst.

Ein neues Stück – Der Weg ist das Ziel

Zunächst möchte ich Dir ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die Dir helfen können, wenn Dir für das Üben mal die Motivation fehlt.

Neue Stücke zu lernen, ist ein zentraler Bestandteil des Klavierlernens. Es ist also wichtig, eine positive Einstellung zum Prozess des Erlernens und Übens zu entwickeln, da Du wahrscheinlich die meiste Zeit am Klavier mit dieser Tätigkeit verbringen wirst.

Beim Klavierüben ist der Weg das Ziel! Beim Üben erweiterst Du in jeder Minute dein pianistisches Können und deine musikalischen Fähigkeiten. Du verbesserst Dich nicht nur in einer sehr kostbaren Fähigkeit, sondern Du lernst in einem aufmerksam geführten Übeprozess auch eine ganze Menge über Dich selbst:

  • Was sind deine Stärken?
  • Wo befinden sich noch Schwächen?
  • Wie möchtest Du das Stück gestalten?
  • Was löst die Musik in Dir aus?
  • Wie gut kannst Du dich selbst einschätzen und Erwartungen an dich selbst formulieren?

Jede investierte Übeminute bringt dich zudem deinem Ziel näher, dein Wunschstück eines Tages zu beherrschen.

Die Lust und Vorfreude darauf, ein neues Stück spielen zu können, kann geradezu für einen Überschuss an Motivation sorgen. Du möchtest lieber ‚jetzt als gleich‘ diese oder jene Stelle spielen können, Du schaust schon mal auf die nächste Seite oder versucht ‚einfach mal durchzuspielen, um zu sehen, wie weit du kommst.‘ Das Gefühl der Motivation ist wunderbar und sehr wertvoll. Wenn Du es schaffst, diese Motivation in den ersten Übeeinheiten mit einem neuen Stück in bestimmte Bahnen zu lenken, wirst Du sehr schnell große Fortschritte machen und das Stück in kürzester Zeit beherrschen.

Hier sind also meine Tipps, mit denen ich bei neuen Klavierstücken super Erfahrungen gemacht habe.

1. Analysiere das Stück

Normalerweise fängt man bei einem neuen Stück vorne an zu üben und arbeitet sich Takt für Takt bis zum Ende durch.

Ich empfehle aber, bevor Du in Takt 1 mit dem Üben anfängst, das ganze Stück zunächst mit den Augen durchzulesen und eine kleine Analyse durchzuführen.

  • Welche Formteile gibt es in dem Stück?
  • Gibt es wiederkehrende Teile?
  • Welche Stellen erscheinen zunächst einfacher, welche Stellen sehen komplexer aus?
  • In welchem (ungefähren) Tempo steht das Stück? In welcher Tonart?

Die Analyse muss nicht sehr detailliert sein, es reichen 3-5 Minuten aus, um eine grobe Vorstellung von der Gesamtheit des Stückes zu bekommen. Wie kann nun eine solche Analyse hilfreich sein?

Die erste Analyse eines neuen Stücks kann auf unterschiedliche Arten hilfreich sein:

  • Wiederkehrende Teile: Die meisten Stücke sind nicht einfach eine Aneinanderreihung immer neuer Noten. Es gibt häufig ganze Abschnitte, die im Laufe des Stückes wiederkehren. Solche Erkenntnisse können Dir viel Zeit ersparen. Nicht selten habe ich es im Klavierunterricht gesehen, dass jemand eine Stelle wie etwas Unbekanntes übt, obwohl diese Passage exakt so schon weiter vorne im Stück vorkam. Selbst wenn ein Formteil in einer anderen Tonart erscheint, lassen sich einige Abläufe sicherlich ‚recyclen‘ und Du sparst viel Übezeit.
  • Schwere Passagen brauchen längere Zeit: Stell Dir vor, die schwierigste Stelle eines Stückes ist der Schluss. Wenn Du das Stück von vorne bis hinten übst, kommst Du erst nach einer gewissen Zeit zur schwierigsten Stelle. Diese braucht dann wiederum eine längere Zeit, bis sie sicher ist. Die Übezeit für das Stück verlängert sich dadurch enorm. Wenn Du hingegen komplexere Stellen gleich zu Beginn identifizierst, kannst Du diese parallel zu anderen Passagen bereits mitüben. Reserviere Dir in jeder Übeeinheit ein paar Minuten für diese Passage, damit sie Zeit hat, sich zu festigen.
  • Entwickle eine Zielvorstellung für das Stück: Häufig kommt es vor, dass wir anfangen ein Stück zu üben, ohne genau zu wissen, in welchem Tempo oder mit welchem Ausdruck wir es eigentlich spielen wollen. Wenn dann eine längere Zeit für das Üben des Stücks investiert wurde, fällt einem irgendwann auf, dass ‚alles eigentlich viel schneller sein müsste‘. Also übt man jede Stelle nochmal, um sie auch im Endtempo spielen zu können. Dies kann zu Frustration führen, weil man jede Stelle erneut üben muss. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, einen Gesamtüberblick über die Formteile eines Stückes zu bekommen und sich mit den Tempi und Charakteren der einzelnen Teile vertraut zu machen.
  • Identifizieren häufiger Bewegungsabläufe: Häufig haben Klavierstücke eine ganz individuelle Schwierigkeit eingebaut. Das kann eine Figur, ein Motiv oder ein Rhythmus sein, der häufig wiederkehrt und das Stück maßgeblich prägt. Bei einem Walzer z.B. wird die linke Hand das gesamte Stück über sehr ähnlich konstruiert sein. Trifft dies auf ein Stück zu, kann es sehr sinnvoll und zeitsparend sein, wenn Du solche Bewegungsabläufe separat übst. Diese Abläufe werden dann zu einer Vokabel, die Du grundsätzlich sicher beherrschst und in die Du nur noch die ‚konkreten Noten des jeweiligen Takts‘ einfügen musst.

Den letzten Punkt möchte ich etwas genauer erläutern, weil ich ihn für sehr wichtig halte.

2. Übe allgemeine Bewegungsabläufe

Klavierwerke haben häufig ein zentrales Motiv, um das sie komponiert wurden. Versetze Dich einmal in die Lage eines Komponisten oder einer Komponistin: Du kannst in einem Stück wahrscheinlich nicht alle Ideen, die Du gerade hast, bunt zusammenwürfeln. Viel eher wird es so sein, dass Du dir eine Idee nimmst und diese in einem Stück ausarbeitest, weiterentwickelst und in unterschiedlichen Facetten zeigst. Du möchtest eine Stimmung kreieren und nicht 24 Stimmungen.

Aus diesem Grund gibt es häufig Bewegungsabläufe, die recht konstant in einem Klavierstück vorkommen und sich vielleicht sogar wie ein roter Faden durch das gesamte Stück ziehen. Dies kann ein bestimmter Rhythmus, eine kompositorische Idee oder auch ein motorischer Ablauf sein. Ein gutes Beispiel hierfür ist J. S. Bachs Präludium in C-Dur. Es ändern sich zwar die Töne von Takt zu Takt, das motorische Modell bleibt aber taktübergreifend dasselbe. Und in so einem Fall muss man zwar die Noten entziffern und einüben, aber die Hauptschwierigkeit des Stückes dürfte in der fließenden und gleichmäßigen Spiel der Sechzehntelnoten bestehen.

Es ergibt Sinn, anstatt sich von Note zu Note zu hangeln, den allgemeinen Bewegungsablauf zu üben, da dieser schließlich in jedem Takt gebraucht wird. Wenn der Bewegungsablauf einmal abgesichert ist, gibt es keine technische Schwierigkeit mehr in diesem Stück, man muss nur noch die Noten des jeweiligen Taktes in den Bewegungsablauf einfügen.

Auch bei weniger offensichtlichen Beispielen kann man viel Zeit sparen, wenn man zu Beginn mit einem neuen Stück Zeit in das Einüben allgemeiner Bewegungsabläufe investiert.

Falls dich diese Übemethode interessiert, findest Du hier einen Artikel dazu.

3. Investiere Zeit für Fingersätze

Fingersätze sind häufig ein vernachlässigtes Thema, weil das Ausarbeiten von Fingersätzen uns scheinbar vom eigentlichen Üben abhält. Meistens befassen wir uns mit Fingersätzen nur dann, wenn es ein offensichtliches Problem gibt – wenn wir eine Note nicht erreichen können oder wir eine Passage legato spielen wollen: Dann wird ein bisschen herumprobiert, bis das Problem gelöst ist. Den Fingersatz notieren? Dazu bräuchte man einen Bleistift: „Den Fingersatz kann ich mir eh merken…“

In der nächsten Übeeinheit erinnert man sich natürlich nicht mehr an den Fingersatz, den man vorgestern am besten fand. Das Probieren beginnt also  von Neuem…

Ich empfehle es sehr, ausreichend Zeit für das Ausarbeiten von Fingersätzen zu reservieren, und diese mit einem Stift in den Noten zu vermerken. Zwei offensichtliche Vorteile, die das Notieren von Fingersätzen hat:

  • Du vergisst die Fingersätze, die Du dir erarbeitet hast, nicht mehr und kannst schwierige Passagen leichter identifizieren.
  • Du kannst Fingersätze leichter korrigieren, wenn Du beim ersten Mal doch nicht den perfekten Fingersatz gefunden haben solltest. Weil Du den Fingersatz notiert hast, kannst Du die Problemstelle viel schneller identifizieren und ausmerzen.

Ich habe bereits einen ganzen Artikel über die Bedeutung von Fingersätzen geschrieben. Du findest ihn hier.

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4. Übe regelmäßig

Gerade dann, wenn Du ein Stück neu einstudierst, ist es besonders wichtig, dass Du regelmäßig übst. Zwar kannst Du in einer einzelnen Übeeinheit von 2 Stunden viel erreichen, aber wenn Du danach über eine Woche lang gar nicht übst, wirst Du das meiste aus dieser Übeeinheit wieder vergessen haben.

Übe deshalb lieber etwas kürzer und dafür häufiger. 20 Minuten konzentriertes Üben können eine Passage auf ein völlig neues Level heben. Die regelmäßige Beschäftigung mit einem Stück legt einen wichtigen Grundstein, um das Stück zu internalisieren. Das bedeutet, dass Du schneller in den Zustand versetzt wirst, dass Du nicht über jede einzelne Fingerbewegung nachdenken musst, sondern die Finger sich ‚wie von selbst bewegen.‘

Wenn Du an den Feinschliff bei einem Stück gehst, können die Übeeinheiten etwas weiter auseinanderliegen – das ist gerade dann sinnvoll, wenn Du bereits zum nächsten neuen Stück übergegangen bist.

5. Wende unterschiedliche Übemethoden an

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere: Wenn wir ein neues Klavierstück beginnen, fallen wir schnell in eine Routine und gehen den Weg des geringsten Widerstands. Das bedeutet häufig, dass man das Stück vom Beginn an langsam durchspielt, bis man einen Fehler macht. Dann probiert man es nochmal usw. Abgesehen davon, dass diese Übemethode vielleicht nicht die effektivste ist, ist an dieser Vorgehensweise wenig auszusetzen. Wenn wir aber ein neues Stück beginnen, wollen wir schnelle und nachhaltige Ergebnisse erzielen.

Aus diesem Grund empfehle ich, ab der ersten Sekunde mit einem neuen Stück unterschiedliche Übemethoden anzuwenden. Versuche bewusst, die Routine aufzubrechen. Ein einfaches Mittel kann sein, nicht am Anfang des Stückes zu beginnen, sondern in der Mitte. Statt zuerst die rechte Hand allein zu spielen, mit der linken Hand zu beginnen. All diese Dinge sorgen dafür, dass dein Fokus aufrechterhalten bleibt, da dein Gehirn nicht auf ‚Autopilot‘ schalten kann. Fordere Dich zu Beginn eines neuen Stückes immer wieder heraus und versuche das Stück auf möglichst unterschiedliche Weise kennenzulernen.

Die Ergebnisse, die Du mit vielfältigen Methoden erreichst, sind häufig sehr viel nachhaltiger, als wenn Du eine Übemethode immer und immer wieder nutzt. Einige Stellen, die ich vor vielen Jahren mit dieser disziplinierten Vielfalt einstudiert habe, kann ich noch heute auswendig und sicher spielen.

6. Plane deine Übeeinheit

Dieser Tipp ist nicht exklusiv für neue Stücke, mit denen Du gerade beginnst – er kann Dir tatsächlich in jedem Stadium helfen.

Gerade in Kombination mit einer anfänglichen Analyse des neuen Klavierstücks ist die Planung von Übeeinheiten ein wertvolles Werkzeug.

Nimm Dir dafür zu Beginn jeder Übesession einen Moment Zeit, um zu entscheiden, was Du heute schaffen möchtest. Welche Takte möchtest Du heute einstudieren? Gab es schwierige Passagen aus der letzten Übeeinheit, die abgesichert werden müssen?

Wenn Du durch eine Analyse verschiedene Formteile und schwere Stellen identifiziert hast, hilft Dir eine kurze Planungsphase in jeder Übeeinheit dabei, diese Dinge strukturiert anzugehen.

Erinnere Dich kurz an das Beispiel, das ich eingangs gebracht habe: Stell Dir vor, die schwierigste Stelle eines Stückes ist ganz am Ende. Wenn Du diese Stelle bei deiner Eingangsanalyse gefunden hast, kannst Du sie über Wochen Stück für Stück in deine Übeeinheiten integrieren und musst diese nicht extra einstudieren, wenn alles andere eigentlich seit langem sitzt.

Ein Übetagebuch kann Dir dabei helfen, deine Übezeit zu strukturieren. Dabei ist es nicht wichtig, welche Form das Tagebuch hat, es kann einfach eine leere Seite in einem Notizbuch oder ein Notizblock auf dem Klavier sein, in den Du zu Beginn und am Ende jeder Übeeinheit Aufgaben und Fortschritte notierst. Auf diese Weise verschwendest Du keine Zeit damit, Dich an die Schwierigkeiten und Aufgaben vergangener Übesessions zu erinnern – sie stehen Dir als Notizen zur Verfügung und können direkt in die Planung miteinbezogen werden.

Die Planung deines Übens hat auch den großen Vorteil, dass Du dich evaluieren und Fortschritte feiern kannst. Gerade die frühen Erfolgserlebnisse motivieren und spornen zu weiteren Erfolgen an.

Fazit

Ein neues Stück zu beginnen, ist gewissermaßen der Auftakt zu einem neuen Abenteuer. Freue Dich über jeden Fortschritt, den Du beim Erarbeiten des Stücks machst. Die Tipps in diesem Artikel helfen Dir hoffentlich, die anfängliche Motivation schnell in gute und nachhaltige Ergebnisse zu verwandeln.

Am Anfang ist die größte Herausforderung, mit Ruhe und Zeit zu agieren. Statt einfach drauf loszuüben, kann es sinnvoll sein, sich zu Beginn Zeit für die hier beschriebenen Strategien zu nehmen. Analysiere das Stück zunächst, um Formteile, schwierige Passagen und allgemeine Bewegungsmodelle zu identifizieren. Reserviere Dir Zeit für das Einüben dieser Bewegungsabläufe und das Erarbeiten von Fingersätzen – notiere deine Ergebnisse unbedingt im Notentext. Plane deine Übeeinheiten und behalte dabei einen Überblick über die verschiedenen Übemethoden, die Dir zur Verfügung stehen.

Die Ergebnisse, die Du mit ein wenig Disziplin erreichen kannst, werden Dich garantiert begeistern. Viel Freude beim Ausprobieren!

Henning Wölk

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