Nehmen wir an, Du bist entschieden, Fortschritte auf dem Klavier zu machen und bist bereit, Dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit für das Klavierüben zu nehmen. Wie solltest Du die halbe Stunde nutzen, um die Zeit optimal zu nutzen? Ich möchte Dir in diesem Artikel eine 30-minütige tägliche Überoutine vorstellen. Diese kann Dir als Leitfaden dienen, an dem Du dich in jeder Übeeinheit entlanghangeln kannst.
Eine 30-minütige Übeeinheit besteht aus 3 Phasen: 1. Der Planungsphase, 2. Der Übungsphase und 3. Der Evaluationsphase.
In der Planungsphase schaust Du Dir offene Aufgaben an und planst, was Du in den 30 Minuten üben möchtest. In der Übungsphase setzt Du deine formulierten Ziele um. In der Evaluationsphase beurteilst Du, ob Du deine Ziele erreicht hast und notierst Aufgaben für folgende Übeeinheiten.
Im Folgenden werde ich Dir die Gestaltung der einzelnen Phasen etwas genauer erläutern.
Planungphase
Wenn Du Dich ans Klavier setzt, solltest Du Dir immer einem Moment Zeit nehmen, um die Übeeinheit zu planen. Hierzu solltest Du Dir zunächst einen Überblick darüber verschaffen, welche Aufgaben und Bereiche Dich auf dem Klavier gerade beschäftigen. Das können zum Beispiel Aufgaben, die in einer vorigen Übeeinheit entstanden sind, oder Wochen- und Monatsziele sein.
Formuliere Dir klare Ziele: Welche Themen möchtest Du heute behandeln? Was hat Priorität? Wie viel Zeit möchtest Du ungefähr womit verbringen?
Die Planungsphase kann sehr kurz sein, gerade wenn Du auf Notizen (z.B. in einem Übetagebuch) zurückgreifen kannst. Es ist auch nicht erforderlich, die Zeitplanung detailliert aufzuschreiben – lediglich in deinem Kopf sollte Klarheit darüber herrschen, was heute ansteht.
Hier sind ein paar Bereiche, die für das Klavierspiel von Bedeutung sind. Die fettgedruckten Bereiche spielen höchstwahrscheinlich in jeder Übeeinheit eine Rolle, während die anderen Bestandteile von Mal zu Mal abwechseln können.
Mögliche Bestandteile einer Übeeinheit
- Aufwärmen: Dies sind einfache Fingerübungen, welche die Motorik auf technisch anspruchsvollere Aufgaben vorbereitet.
- Technikübungen: Übungen, welche einen allgemeinen technischen Aspekt des Klavierspiels (z.B. Tonleitern, Arpeggios, Geläufigkeitsübungen etc.) verbessern sollen.
- Neue Stücke: Erarbeiten unbekannter Stücke. Dazu gehört u.a. die Arbeit an Fingersätzen, an einer individuellen Werkinterpretation oder das Üben schwieriger Stellen.
- Repertoire: Arbeit an bereits bekannten Stücken, die auf einem gewissen Stand gehalten werden sollen, z.B. für ein Vorspiel.
- Freies Spiel/Improvisieren: Auch dem freien Spiel sollte in Übeeinheiten regelmäßig Zeit eingeräumt werden.
- Vom-Blatt-Spiel: Die Fähigkeit, Stücke beim erstmaligen Betrachten auf dem Klavier spielen zu können, in dem die wichtigsten Informationen schnell erfasst werden.
- Auswendiglernen: Bereits eingeübte Stücke aus dem Repertoire ohne Notentext spielen können.
In einer ‚gewöhnlichen‘ Übeeinheit zwischen zwei Klavierstunden werden die Bereiche Aufwärmen, Technik und neue Stücke für gewöhnlich die wichtigsten Bestandteile sein. Je nach äußeren Umständen und persönlichen Zielen, können aber ganz andere Bereiche in den Vordergrund treten.
Am Ende der Planungsphase sollte ein ungefährer Plan für die anstehende Übeeinheit stehen. Dieser könnte zum Beispiel so klingen:
- Kurz (ca. 3 Min.) aufwärmen mit der schon bekannten C-Dur-Tonleiter in der rechten und linken Hand.
- Ein bisschen Technik (gut 5 Min.): Einüben der G-Dur-Tonleiter in beiden Händen.
- Fokus (ca. 15 Min.) auf das neue Stück: Hier die Takte 1-4 absichern und die Takte 5-12 erarbeiten.
Übungsphase
In der Übungsphase wird der grob gefasste Plan in die Tat umgesetzt. Hier wird es unweigerlich passieren, dass Du von deinem Plan abweichst und das ist auch völlig in Ordnung. Es geht nämlich nicht darum, sich gnadenlos an den geschmiedeten Plan zu halten. Der Plan aus der Planungsphase hat vor allem zwei Aufgaben:
- Der Plan soll dein Üben zielgerichtet gestalten und verhindern, dass Du einfach drauflosspielst. Ob Du letztlich 5 oder 10 Minuten an der G-Dur-Tonleiter übst, ist dabei nicht erheblich. Wichtig ist, dass Du deine aktuellen Klavierthemen präsent hast und deine Übezeit für relevante Dinge nutzt.
- Der Plan gibt Dir die Möglichkeit, den Erfolg der Übeeinheit zu beurteilen. Ohne Ziele, könntest Du am Ende der 30 Minuten kaum sagen, ob Du zufrieden mit deinen Ergebnissen bist. Die Planung gibt Dir also die Möglichkeit, Erfolge zu identifizieren.
Evaluationsphase
Möchtest Du deine Übeeinheit beenden, solltest Du Dir noch einen Augenblick Zeit nehmen, um Ergebnisse festzuhalten.
Folgende Fragen können dabei helfen:
- Was hast Du heute erreicht?
- Hast Du deine formulierten Ziele erreicht?
- Welche Aufgaben bleiben für kommende Übeeinheiten offen?
- Wie hast Du dich heute beim Üben gefühlt?
Die Evaluationsphase schult Dich in deiner Fähigkeit zur Selbstbeobachtung. Warst Du in einigen Momenten abgelenkt? Hast Du Dir unrealistische Ziele gesteckt? Hast Du viel mehr geschafft als Du eigentlich vorhattest? All diese Dinge solltest Du in 1-2 Minuten betrachten.
Die Evaluationsphase hilft Dir, künftige Übeeinheiten für Dich besser zu gestalten und deine nächsten Übeeinheiten zu planen.
Beispiel: Gab es eine Schwierigkeit in Takt 10? Dann notiere Dir die Stelle und übe Sie morgen mit besonders viel Zeit und Ruhe.
Eine Übetagebuch kann Dir dabei helfen, Planung und Evaluation strukturiert durchzuführen. Du kannst dafür z.B ein Notizbuch bereitlegen. Ich habe selbst auch eine Druckvorlage für ein einfaches Übetagebuch erstellt. Du kannst es hier kostenlos herunterladen.
30-Minuten-Überoutine für Anfänger im Selbststudium
Falls Du gerade angefangen hast, Klavier im Selbststudium oder mit einer App zu lernen, möchte ich Dir hier eine kleine Überoutine mit auf den Weg geben, welche die drei Phasen einer Übeeinheit und die oben genannten Bereiche berücksichtigt.
- Planungsphase (ca. 2 Minuten): Wochen-/Monatsziele anschauen; Stück und Stückabschnitt auswählen; Technikübungen auswählen. Auswahl für Punkt 5.
- Aufwärmen (ca. 3 Minuten): Spielen einer bekannten Technikübung (Tonleiter, Arpeggios etc.)
- Technik (ca. 5 Minuten): Gesondertes Üben technischer Phänomene, z.B. eine neue Tonleiter, ein neues Arpeggio, Daumenuntersatz etc.
- Neues Stück einüben (ca. 15 Minuten): Den festgelegten Stückabschnitt mit unterschiedlichen Methoden erarbeiten. (Hier können erneute technische Übungen Sinn ergeben.)
- Repertoire/Freies Spiel/Vom-Blatt-Spiel (ca. 5 Minuten): Optional! Einer dieser Bausteine sollte im Wechsel in dein Üben miteinbezogen werden.
- Evaluationsphase (ca. 1 Minute): Abgleichen der Ergebnisse mit den Übezielen. Notieren von Aufgaben.
In dieser Überoutine bin ich davon ausgegangen, dass gerade kein Vorspiel ansteht. Ist dies jedoch der Fall, sollte für den Punkt „Repertoire“ mehr Zeit eingeplant werden.
Wenn Du andere Übeziele für Dich formuliert hast, kanns Du die 30 Minuten selbstverständlich auch anders aufteilen. Die 30-Minuten-Überoutine ist ein Vorschlag, wie Du deine 30 Minuten sinnvoll nutzen kannst und soll Dir helfen, eine erste Überoutine zu etablieren.



