Klavierlernapps wie flowkey oder skoove bieten eine großartige Möglichkeit, kostengünstig und flexibel Klavierspielen zu lernen und sind damit eine echte Alternative zum traditionellen Klavierunterricht. Es gibt jedoch wichtige Fähigkeiten, die dich zu einem noch besseren Musiker machen, aber in den Apps nicht vermittelt werden. Diese Fähigkeiten betreffen vor allem den musikalischen Ausdruck und die Kreativität beim Üben und Spielen. Sie sorgen dafür, dass dein Üben motivierender und effektiver ist, und sie helfen dir, dich auf dem Klavier auszudrücken.
In diesem Artikel möchte ich dir 10 wichtige Fähigkeiten zeigen, die dich zu einem besseren Musiker machen und dir die Klavierapps bislang nicht beibringen können.
1. Musikalisch spielen
Klavierlernapps wie flowkey oder skoove haben eine sehr effektive Technologie entwickelt, wie sie dir in Echtzeit Feedback zu gespielten Noten geben können. Sobald Du eine falsche Note spielst, stoppt der Übervorgang und Du bekommst die Gelegenheit, die Note zu korrigieren. Auf diese Weise lassen sich neue Stücke sehr effektiv einüben.
Das Üben in Klavierlernapps ist allerdings sehr stark auf die technische Korrektheit fokussiert: Es geht vor allem darum, dass Du die richtigen Töne zur richtigen Zeit spielst. Wenn Du also fleißig übst, wirst Du sehr bald die Töne eines Stückes fehlerfrei spielen können. Doch das sollte nicht dein einziges Ziel sein – was auf der Strecke bleibt, ist das wichtigste am Klavierspiel: Die Musik!
Musizieren ist so viel mehr, als nur die richtigen Töne spielen zu können. Es ist der kreative Umgang mit Lautstärke (Dynamik) mit leichten Variationen in der Spielgeschwindigkeit (Agogik) und auch der Art und Weise, wie die Töne auf dem Klavier angeschlagen werden (Artikulation). Ebenso wichtig ist die Art und Weise wie Du eine musikalische Phrase gestaltest: Auf welche Note der Melodie spielst Du hin, wo ist der dynamische Höhepunkt? Was passiert nach diesem Höhepunkt in der Lautstärke? Erst wenn all diese Dinge zur technisch korrekten Ausführung der Noten hinzukommen, wird der Vortrag eines Stückes musikalisch.
Das Problem ist, dass die marktführenden Apps zu diesen Aspekten des Klavierspiels (noch) kein Feedback geben können. Ihr Feedback bezieht sich lediglich auf den richtigen Ton zur richtigen Zeit und nicht darauf, in welcher Lautstärke Du ihn spielst, ob Du ihn für mehr Nachdruck etwas verzögerst oder wie Du die Tasten anschlägst.
Es ist überhaupt nicht schwer, das musikalische Klavierspiel zu erlernen, es braucht nur ein wenig Übung. Nimm dir also ein wenig Zeit, um diese Parameter der Musik neben der Nutzung einer Klavierapp zu erlernen und Du wirst dein Klavierspiel schnell auf ein neues Level heben.
2. Dir selbst zuhören
Die Technologie der Klavierlernapps, welche es ermöglicht, dein Klavierspiel in Echtzeit auf Korrektheit zu analysieren ist sehr praktisch. Denn falsche Töne können sich durch das schnelle Feedback gar nicht erst einschleichen – eine große Zeitersparnis!
Doch ist es nicht ein komisches Gefühl, von einer App Feedback zu erhalten und womöglich gar nicht in der Lage zu sein, dir dieses Feedback selbst zu geben? Durch Klavierlernapps und deren Übemodus wirst Du darauf trainiert, das zu befolgen, was die App dir sagt. Wenn Du deine Musikalität aber auf das nächste Level heben möchtest, solltest Du lernen, dir selbst zuzuhören, um dir selbst Feedback geben zu können.
Die größten Pianistinnen und Pianisten haben es schon unzählige Male gesagt: Die wichtigste Fähigkeit für das Erlernen des Klavierspiels ist das „Sich-Selbst-Zuhören“.
Sich selbst zuhören zu können, ist auf unglaublich vielen Ebenen nützlich:
- Du hast die Klavierlernapp gerade nicht zur Hand, aber Du möchtest trotzdem üben? Wenn Du dir zuhören kannst, gibst Du dir selbst Feedback.
- Du arbeitest am musikalischen Ausdruck einer Stelle und bist unsicher, ob Du beispielsweise den dynamischen Verlauf so umsetzt, wie Du es dir vorgenommen hast? Nur dein Ohr kann dir in dieser Situation helfen.
- Du bist mit der klanglichen Balance deiner Hände unzufrieden? Einzelne Töne platzen immer heraus? Mit einem gut trainierten Ohr kannst Du die Töne leicht identifizieren und durch gezielte Übungen Unregelmäßigkeiten beheben.
Dies sind nur einige Beispiele aus der Praxis, in denen die Fähigkeit, sich selbst zuhören zu können, unheimlich wichtig ist. Insgesamt lässt sich zusammenfassen: Das musikalische Gehör ist eine der Kernkompetenzen eines jeden Musikers. Verlässt man sich ausschließlich auf externes Feedback, läuft man Gefahr, sein inneres musikalisches Gehör zu vernachlässigen.
3. Vielfalt der Übemethoden
Die Fähigkeit, sich ein Klavierstück auf unterschiedlichste Arten und Weisen anzueignen, ist eine sehr nützliche Fähigkeit. Jedes Stück hat seine ganz eigenen Tücken, unterschiedliche Stellen brauchen häufig verschiedene Übemethoden, um schlussendlich sicher beherrscht zu werden.
Die Auswahl und das Ausdenken von Übemethoden steigert nicht nur die Effektivität und Nachhaltigkeit deiner Übeeinheiten, sie fördert auch die Kreativität, sorgt für Abwechslung und damit für mehr Ausdauer beim Üben.
Um die richtige Übemethode für eine Stelle zu finden, braucht es zuerst die Erkenntnis, was an einer Stelle aus welchem Grund schwer ist (siehe. „2. Dir selbst zuhören“). Erst wenn die Stelle und deren Schwierigkeit erkannt ist, kann man eine passende Übemethode dazu finden. Und häufig wird eine schwierige Stelle am sichersten, wenn man sie mit unterschiedlichen Methoden, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und erlernt hat.
Hierzu ist es sehr nützlich, sich ein Repertoire an Übemethode aufzubauen und einen kreativen Umgang mit ihnen einzuüben. Klavierlernapps haben zwar eine gute Übemethodik, diese verändert sich aber nicht und bietet so gut wie keine Varianten. Für den Einstieg auf dem Klavier ist dies noch in Ordnung, aber je mehr Fortschritte Du machst und je schwieriger die Stücke werden desto mehr wirst Du ein Repertoire von Übemethoden brauchen.
4. Musik interpretieren
Wenn Du das Klavierspiel erlernst und deine ersten Stücke lernst, dann übernimmst Du automatisch eine Aufgabe: Die des Interpreten. Ein Interpret oder eine Interpretin übernimmt die Aufgabe, ein Musikstück zu spielen und es mithilfe künstlerischer Entscheidungen zu deuten. Ein Interpret, der lediglich die richtigen Noten in der richtigen Reihenfolge spielt, hat also erst die Hälfte seiner Aufgabe ausgeübt.
Zur Interpretation eines Musikwerks gehören unter anderem folgende Fragen:
- Vermittelt das Stück eine bestimmte Atmosphäre?
- Welche Details des Stückes stehen im Vordergrund (z.B. eine Melodie), welche im Hintergrund (z.B. ein Begleitmotiv)?
- In welchen Passagen eines Werks wird Spannung aufgebaut, in welchen tritt Entspannung ein?
- Auf welche Töne scheint sich eine Melodie hinzubewegen? (Phrasierung)
- Welchen dynamischen Verlauf hat das Stück? (Häufig finden sich in Notenausgaben wenige bis gar keine Dynamikangaben)
Die Liste der Fragen könnte noch weitergehen…
Nicht jedes Stück erfordert eine Antwort auf alle diese Fragen, vielmehr geht es als Interpretin oder Interpret darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Fragen ein Stück aufwirft: Besteht ein Stück beispielsweise aus lauter sich wiederholenden Patterns, ist es vielleicht ratsam, durch dynamische Verläufe für Abwechslung zu sorgen.
Die Fähigkeit, eine eigene und schlüssige Interpretation eines Musikwerks zu erarbeiten, wird in Klavierapps bislang kaum ausgebildet. Die Übemodi der Apps lassen musikalische Gestaltung bzw. allgemeingültige Leitlinien zur Erarbeitung von Interpretationen in den Hintergrund treten.
5. Gemeinsames Musizieren
Musik ist eine soziale Handlung. Dass man ein Leben lang nur für sich musiziert, ist eher die Ausnahme. Stattdessen hat Musik eine kommunikative Qualität – wir können uns über Musik ausdrücken, uns mitteilen und verständlich machen – und nicht zuletzt, können wir gemeinsam musizieren und so in einen Dialog miteinander treten. Das gemeinsame Musizieren erfordert besonders eine Fähigkeit, die bereits erwähnt wurde: das Zuhören. Wie in einem konventionellen Gespräch auch, kann Kommunikation nur gelingen, wenn man sich gegenseitig zuhört und aufeinander eingeht.
Genauso ist es auch beim gemeinsamen Musizieren – wenn jeder sein eigenes Ding durchzieht, kommt dabei am Ende selten schöne Musik heraus. Es ist daher wichtig, nicht nur sich selbst zuzuhören, sondern auch anderen Menschen zuhören zu können. Nur so kann man sich aufeinander einstellen, aufeinander eingehen und sich gegenseitig inspirieren.
Das gemeinsame Musizieren ist eine der schönsten Erfahrungen, die das Spielen eines Musikinstruments bereithält. Klavierlernapps machen uns leider zu Einzelkämpfern, da wir immer und ausschließlich allein auf der Klavierbank sitzen.
6. Improvisieren
Improvisieren ist die Fähigkeit, etwas oder sich selbst im Moment ausdrücken zu können – auf dem Klavier entsteht so Musik ohne große Vorüberlegungen und in einem ständigen Austausch mit sich selbst. Die Fähigkeit, sich selbst zuzuhören und vorauszufühlen, was als nächstes kommen könnte, kann man sehr gut üben. Gleichzeitig gibt in einer Improvisation eigentlich kein Richtig und kein Falsch – was aber für den einzelnen Musiker eine große Freiheit bedeutet, entzieht sich gleichzeitig dem Zugriff der Klavierlernapp.
Denn die Klavierlernapp kann nur das ‚Gehörte‘ mit einer Schablone (der fehlerfreien Version eines Stückes) vergleichen und die Abweichungen benennen. Bei einer Improvisation gibt es eine solche Idealversion nicht, alles entsteht im Moment. Im Gegensatz zu anderen Menschen kann die Klavierlernapp auch nicht beurteilen, ob eine Improvisation schlüssig, mitreißend, emotional, atmosphärisch oder ähnliches wäre. Hier braucht es Feedback von sich selbst oder anderen Personen.
7. Sich selbst kennenlernen
Klavierlernapps geben dir eine klare Struktur vor, wie Du die Stücke erarbeitest – auch wenn Du individuell festlegen kannst, welche Teil Du wie häufig üben möchtest, ist der Übemodus jedoch vorgegeben.
Ebenso verhält es sich mit den Kursen: Die Kurse richten sich zwar an ein breites Publikum und sind gut aufbereitet, aber sie sind eben nicht individuell auf dich zugeschnitten. Das sorgt dafür, dass Du dich mehrheitlich an die Vorgaben der App halten musst. Zwar bevorzugen viele Menschen klare Vorgaben, dies sorgt aber dafür, dass man sich selbst weniger Gedanken über den nächsten Schritt beim Üben, die richtige Übemethode oder die eigene Konzentrationsfähigkeit machen muss.
Gerade der letzte Punkt ist für effektives und nachhaltiges Üben wichtig. Zu wissen, wie lange Du übst ist mindestens genauso wichtig wie zu wissen, wie Du übst. Jeder Mensch hat eine individuelle Konzentrationsspanne und erfolgreiches Üben hängt auch davon ab, wie gut Du dich selbst in dieser Hinsicht kennst.
8. Körperhaltung / Handhaltung
Klavierlernapps wie flowkey verfügen mittlerweile über ein Kursangebot, das insbesondere Anfängerinnen und Anfängern einen gelungenen Einstieg auf dem Klavier ermöglichen sollen. Hierzu gehören unter anderem Kurse zur richtigen Körper- und Handhaltung. Die Kursinhalte sind hier sachlich korrekt und durchaus anschaulich aufbereitet.
Das Problem liegt jedoch auf der Hand: Die App kann nicht kontrollieren bzw. korrigieren, sollte es zu Fehlhaltungen des Schülers oder der Schülerin kommen. Aus meiner eigenen Unterrichtserfahrung kann ich berichten, dass fast jede Schülerin oder Schüler im Laufe des Unterrichts eine körperliche Kompensation an den Tag legt – sei es eine hochgezogene Schulter, verkrampfte Finger oder eine unterspannte Körperhaltung. Diese Dinge sind zunächst nicht tragisch, sie passieren häufig und sind gerade im Anfangsstadium nicht sofort schädlich.
Sie sollten aber zeitnah und nachhaltig korrigiert werden, damit Verspannungen oder sonstigen Komplikationen vorgebeugt werden können. Auf diesem Gebiet ist der persönliche Kontakt des Klavierunterrichts immer noch der sicherste Weg. Ein Klavierlehrer kann gezielte Rückmeldungen und Hilfestellungen geben und Fehlhaltungen so weitestgehend korrigieren.
9. Pedaltechnik und -gebrauch
Die Pedaltechnik des Klaviers lässt sich anschaulich über den Video-Content der Klavierlernapps erklären – letztlich ist die Pedaltechnik des Klaviers recht einfach zu bewältigen. Abgesehen davon, dass sich analog zur Körper- und Handhaltung ungünstige Bewegungsmuster nicht korrigieren lassen, ist aber besonders der Pedalgebrauch ein ‚blinder Fleck‘ der Klavierlernapps. Welche Möglichkeiten und Optionen habe ich, die Pedale einzusetzen? Welche Stücke legen den Pedalgebrauch nahe, welcher eher nicht?
Diese Dinge werden in traditionellem Klavierunterricht häufig thematisiert, in Klavierapps spielt der Pedalgebrauch eine untergeordnete Rolle.
10. Das Ganze im Blick behalten
Klavierlernapps nutzen für das Spiel nach Noten ein scrollendes Layout. Das bedeutet, dass Du immer nur einen kleinen Ausschnitt aus der Partitur siehst, da dieser Ausschnitt mit deinem Spiel durch das Stück wandert. Dieses Layout ist zwar sehr praktisch, weil es die Noten in ansprechender Größe präsentiert – Du hast aber nie das gesamte Stück im Blick.
Dies kann vor allem bei längeren Stücken zu einem Problem werden: Wenn du eine bestimmte Stelle üben möchtest, die im Stück weiter hinten liegt, kann das Auffinden einige Zeit in Anspruch nehmen. Darüber hinaus ist es schwieriger, den formalen Aufbau eines Stückes zu überblicken. An welchen Stellen kehren bekannte Teile wieder? In welcher Weise bilden die unterschiedlichen Stückteile einen Kontrast?
All diese Dinge können wichtig sein, um interpretatorische Entscheidungen zu treffen. Für solche Überlegungen ist der Überblick über die Form des Stückes sehr wichtig – analoge oder digitale Notenausgaben gewähren diesen Überblick problemlos, in Klavierapps hingegen bleibt dein Überblick über das Stück begrenzt.
Fazit
Selbstbeobachtung und Reflexion sind die wichtigsten Disziplinen im Üben. Zum Übe-Profi wird man dann, wenn versteht, was einem zum Bewältigen einer Passage fehlt und anschließend die passende Übemethode parat hat. Kreativität im Erstellen von Übemethoden zahlt sich aus: Auf diese Weise beugt man Langeweile aufgrund von ewiggleichen Übedurchgängen vor.
Erfolgreiches Üben ist immer Prozess vom Bewussten zum Unbewussten. In Übegängen sorgt die Fähigkeit der Selbstbeobachtung dafür, dass ein solcher Durchgang stets aus drei Phasen besteht: Für die ausgewählt Passage wird ein Ziel formuliert, anschließend wird versucht, das Ziel im Klavierspiel umzusetzen und abschließend wird evaluiert, inwieweit der letzte Versuch erfolgreich war. Mit diesen Erkenntnissen plant man nun den nächsten Übedurchgang usw.
Wähle die Ziele und Methoden dabei so, dass Du keine Fehler machen musst – diese können beim Üben ein Hinweis auf Überforderung sein. Suche stattdessen einen Weg, der dich beim Üben entspannt sein lässt. Auf diese Weise übst Du die Entspannung beim Spiel eines Stückes gleich mit ein. Auf diese Weise wirst du sicherlich bald deine Lieblingsstücke technisch sicher und mit Freude musizieren können.
Wenn Du dir unsicher bist, in welcher Form Du das Klavierspiel erlernen möchtest, empfehle ich Dir meinen Artikel zu dem Thema. Du findest ihn hier.



